Vaccinium

Heidelbeere, Moosbeere, usw.; Heidegewächs, Ericaceae

Gattung:

Vaccinium umfasst etwa 470 Arten (Kew 2023), die vor allem auf der nördlichen Erdhalbkugel beheimatet sind. In Australien und auf der Arabischen Halbinsel fehlt die Gattung ursprünglich, in Afrika ist sie nur mit wenigen Arten vertreten. Mannigfaltigkeitsgebiete sind die Gebirge Asiens und Amerikas. In den Anden werden immer noch neue Arten entdeckt (Pedraza-Peñalosa 2011).
 

Vaccinium macrocarpon 

Großfrüchtige Moosbeere,
Kranichbeere, Cranberry
Vaccinium macrocarpon 
Heidegewächs, Ericaceae

 

Steckbrief: 

Immergrüner, bis 30 cm hoher und 80 cm breiter, flache Matten bildender Strauch mit fadenförmig dünnen, niederliegend-kriechenden, sich bewurzelnden Zweigen. Blätter länglich-elliptisch, 0,6–1,8 cm lang, der Rand kaum umgerollt, oberseits dunkelgrün, unterseits weißlich. Blüten hellrosa, zu wenigen achselständig, an 1–3 cm langen, fadenförmig dünnen Stielen, 6–10 mm lang, tief vierteilig, Saumzipfel zurückgeschlagen. Früchte 10–20 mm im Ø, reif rot. Blütezeit Mai bis Juni.
Verwechslungsmöglichkeit: Die heimische Echte Moosbeere, Vaccinium oxycoccos, hat deutlich umgerollte Blattränder, 5–6 mm lange Kronblätter und Früchte mit einem Ø von 5–10 mm.

 

Name:

Der oft verwendete deutsche Name Kranichbeere bzw. englisch cranberry leitet sich von den Staubfäden der Blüten ab, die einen Schnabel bilden, der die ersten europäischen Einwanderer Amerikas an einen Kranichschnabel erinnerte.
 

Nutzung:

Die Früchte als Obst und Medizin, die Pflanzen als Bodendecker fürs Moorbeet. 2021 wurden weltweit etwa 495.000 Tonnen Kranichbeeren geerntet. Cranberry werden u.a. als Backzutat, Trockenfrucht, verarbeitet zu Saft oder Kompott und in Müsliriegeln genutzt.  
 

Ausbreitung: 

Beheimatet im östlichen Nordamerika, in Europa seit 1760 in Kultur (Jäger & al. 2008). Gegenwärtig im Gebiet vereinzelt subspontan vorkommend. Im Bannwald-Torfstich in Oberreichenbach im Schwarzwald um 1917 angesalbt, bis heute vorhanden und im Bestand zunehmend. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts versuchsweise in den Hochmooren des Thüringer Waldes kultiviert, im Saukopfmoor bei Oberhof in Thüringen sich haltend (Zündorf & al. 2006). Vermehrt sich sowohl vegetativ über Ausläufer als auch generativ durch Samen. In Europa in Hochmooren angesalbt, eingeschleppt oder spontan durch Vögel verbreitet (Weber 1995).
 
DEUTSCHLAND: 
Lokal kultiviert und teilweise eingebürgert, so im Bannwald-Torfstich in Oberreichenbach im Schwarzwald und im Wildseemoor bei Kaltenbronn in Baden-Württemberg (Sebald & al. 1990, Hand & Thieme 2024), im Haspelmoor seit 100 Jahren immer wieder bestätigt und im Schönramer Filz in Bayern (Vollmann 1914, Lippert & Merxmüller 1986, Dickoré & Dickoré 2019, Meierott & al. 2024), in Berlin (Seitz & al. 2012), Brandenburg (Hand & Thieme 2024), im Duvenstedter Brook in Hamburg seit den 1930-Jahren eingebürgert (Poppendieck & al. 2011), Wilsum in Niedersachsen (Weber 1995, Hand & Thieme 2024), im Fliegenbergmoor auf der Wahner Heide, bei der Stallberger Teichkette bei Siegburg, im Naturschutzgebiet Neuenhähnen bei Nutscheid und im Naturschutzgebiet Harskamp bei Ochtrup in Nordrhein-Westfalen (Gorissen 2015, Weber 1995), Zadlitzbruch bei Doberschütz und Särichen bei Niesky in Sachsen (Gutte & al. 2013), Sachsen-Anhalt (Hand & Thieme 2024), Sankt Peter-Ording und Itzehoe-Nordoe in Schleswig-Holstein (Kadereit & Klein 2013, Jansen 1986) und Thüringen (Hand & Thieme 2024). Der Erstnachweis für Bayern erfolgte 1911 im Haspelmoor im Landkreis Fürstenfeldbruck (Meierott & al. 2024).
ÖSTERREICH:
Im Ursprunger Moor in Salzburg. Die Art wurde vor Jahren (Jahrzehnten?) in einer Plantage im Ursprunger Moor gemeinsam mit V. angustifolium
× corymbosum ausgepflanzt. Die Pflanzen wachsen dort noch immer in der aufgelassenen Plantage, neigen aber im Gegensatz zu V. angustifolium × corymbosum offensichtlich nicht oder kaum zu Verwilderungen (Pflugbeil & Pilsl 2013). Daher findet die Fundangabe hier keinen Eingang.
SCHWEIZ:
Vereinzelt, so im Aargau und im Roblosenried bei Einsiedeln im Kanton Schwyz, hier in Ausbreitung begriffen (Infoflora 2024).

 
ANDERE LÄNDER:
Eingebürgert auch in den Niederlanden, so auf den Inseln Vlieland und Terschelling (FLORON 2021), subspontan 1957 und 2019 in Belgien (Verloove 2021).

 
Weitere Sippe:

Vaccinium ×atlanticum

Bei der Kultur-Heidelbeere, Vaccinium ×atlanticum agg. (inkl. V. corymbosum) handelt es sich um Auslesen von nordamerikanischen Wild-Heidelbeeren, vor allem aber um Hybriden in großer Sortenvielfalt, die überwiegend das Erbgut der nordamerikanischen Arten Vaccinium angustifolium, V. formosum und V. corymbosum enthalten. Die Ausgangsarten sind im östlichen Nordamerika beheimatet. Weiters haben Arten wie Vaccinium caesariense, V. darrowi, V. elliottii, V. fuscatum, V. myrtilloides, V. pallidum, V. simultatum und V. virgatum zur Sortenfülle der Kultur-Heidelbeere beigetragen.
 
Die professionelle Heidelbeerzucht begann Anfang des 20. Jahrhunderts durch die US-amerikanische Pflanzenzüchterin Elizabeth Coleman White (1871−1954) und den Botaniker Frederick Coville (1867−1937). Die wichtigsten Ausgangsarten der Kulturhybrid-Gruppe, Vaccinium angustifolium und V. corymbosum, wurden aber bereits im 18. Jahrhundert in Europa eingeführt. Seit 1929 werden Kultur-Heidelbeeren in Deutschland erwerbsmäßig angebaut (Düll & Kutzelnigg 2022). Gegenwärtig werden Kultur-Heidelbeeren im Gebiet auf rund 1000 Hektar kommerziell kultiviert. Die Welternte lag 2005 bei 360.000 t, 2017 bei 625.000 t (Düll & Kutzelnigg 2022).
Erste Verwilderungen sind von 1940 bekannt (Rothmaler 2011), der Verbreitungsschwerpunkt der subspontanen Vorkommen liegt in Niedersachsen. Eine Untersuchung in der Umgebung von 21 Pflanzungen ergab für die südliche Lüneburger Heide, dass die Fläche mit Heidelbeerverwilderungen die Anbaufläche um das 14-fache übertrifft.
 
Kultur-Heidelbeeren lieben kühl-feuchte Lagen (Bruns 2009) und einen pH-Wert des Bodens von 3,0 bis 4,8 (Kowarik 2010). Sie werden in zahlreichen Fruchtsorten wie `Bluecrop´, `Goldtraube´ oder `Jersey´ kultiviert. Verwilderungen kennen wir im Gebiet gegenwärtig vor allem in Niedersachsen vielfach, sonst vereinzelt wie 2017 im Schönramer Filz und 2016 im Kendlmühlfilz bei Grassau in Bayern (Meierott & al. 2024), in Nordrhein-Westfalen u.a. im Naturschutzgebiet Fürstenkuhle im Kreis Borken (BBV 2017) und in Schleswig-Holstein (Hand & Thieme 2024). In Österreich selten verwildert oder eingebürgert in entwässerten Hochmooren, so im Ibmer Moos in Oberösterreich (Hohla 2006), 2009 im Ursprunger Moor bei Elixhausen und 1992 im Hammerauer Moor in Salzburg (Stöhr & al. 2012) und im Naturschutzgebiet Gamperlacke bei Liezen in der Steiermark (Essl 2004)
Subspontan seit 1985 u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), lokal eingebürgert in den Niederlanden (FLORON 2021) und seit 2011 in Tschechien (Pyšek & al. 2012).
 

Quellen

Adema F. (1986): Vaccinium corymbosum L. in Nederland ingeburgert – Gorteria 13: 65–69.

BBV-Bochumer Botanischer Verein (2017): Beiträge zur Flora Nordrhein-Westfalens aus dem Jahr 2017 - Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 9: 115–161.

BfN (2011): Vaccinium angustifolium × corymbosum; in: Neobiota in Deutschland – Gebietsfremde und invasive Arten in Deutschland – neobiota.bfn.de

Dickoré W. B. & Dickoré (2019): Neufunde und Bestätigungen von Gefäßpflanzen, überwiegend aus dem südbayerischen Moränengürtel – Berichte der Bayerischen Botanischen Gesellschaft 89: 265-285.

Düll R. & H. Kutzelnigg (2022): Die Wild- und Nutzpflanzen Deutschlands. 9. erw. Aufl. – Wiebelsheim. 948 S.

Essl F. (2004): Erstfund eines verwilderten Vorkommens der Kultur-Heidelbeere (Vaccinium angustifolium × corymbosum) in Österreich. — Linzer biol. Beitr. 36/2: 785–796.

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Gorissen I. (2015): Flora der Region Bonn (Stadt Bonn und Rhein-Sieg-Kreis) – Decheniana-Beiheft 40. Bonn, 605 Seiten.

Gutte P., Hardtke H.-J. & Schmidt P.A. (Hrsg. 2013): Die Flora Sachsens und angrenzender Gebiete. Ein pflanzenkundlicher Exkursionsführer. – 983 S. Wiebelsheim (Quelle & Meyer).

Hand R. & Thieme M. (2024): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hohla M. (2006): Bromus diandrus und Eragrostis multicaulis neu für Oberösterreich sowie weitere Beiträge zur Kenntnis der Flora des Innviertels – Beitr. Naturk. Oberösterreichs 0016: 11–83.

Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

Jäger E. J., Ebel F., Hanelt P. & Müller G. K. (2008): In: Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, Band 5, Spektrum, 874 S.

Kadereit J.W. & Klein J. (2013): Virtual Herbaria JACQ – Vaccinium macrocarpon – https://herbarium.univie.ac.at

Kew (2023): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Kowarik I. (2010): Biologische Invasionen – Neophyten und Neozoen in Mitteleuropa. — E. Ulmer Verlag, Stuttgart, 492 S.

 



Kowarik I. & Schepker H. (1995): Zur Einführung, Ausbreitung und Einbürgerung nordamerikanischer Vaccinium-Sippen der Untergattung Cyanococcus in Niedersachsen. – Schriftenreihe Vegetationsk. 27: 413 – 421.

Lippert W. & Meierott L. (2014) – Kommentierte Artenliste der Farn- und Blütenpflanzen Bayerns – Bayerische Botanische Gesellschaft, München, 407 S.

Lippert W. & H. Merxmüller (1986): Vaccinium macrocarpon Aiton im Haspelmoor. – Ber. Bayer. Bot. Ges. 57: 183-184.

Meierott L., Fleischmann A., Klotz J., Ruff M. & W. Lippert (2024): Flora von Bayern – Haupt Verlag, Bern, 4 Bände.

Pedraza-Peñalosa P. & J. L. Luteyn (2011): Andean Vaccinium (Ericaceae: Vaccinieae): Seven new species from South America - Brittonia. 63 (2): 257–275.

Pflugbeil G. & Pilsl P. (2013): Vorarbeiten an einer Liste der Gefäßpflanzen des Bundeslandes Salzburg, Teil 1: Neophyten - Mitt. Haus der Natur 21: 25–83.

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Pyšek P., Danihelka J., Sádlo J., Chrtek J. jr., Chytrý M., Jarošík V., Kaplan Z., Krahulec F., Moravcová L., Pergl J., Štajerová K. & Tichý L. (2012): Catalogue of alien plants of the Czech Re­public (2nd edition): checklist update, taxonomic diversity and invasion patterns. – Preslia 84: 155–255.

Rothmaler W. (2011): Exkursionsflora von Deutschland, Gefäßpflanzen: Grundband. 20.Aufl. – Spektrum-Verlag, Heidelberg. 930 S.

Sebald O., Seybold S. & G. Philippi (1990): Die Farn- und Blütenpflanzen Baden-Württembergs, Bd. 2: Hypericaceae bis Primulaceae. Verlag E. Ulmer, Stuttgart.

Seitz B., Ristow M., Prasse R., Machatzi B., Klemm G., Böcker R. & Sukopp H. (2012): Der Berliner Florenatlas – Verhandlungen des Bot. Vereins von Berlin und Brandenburg, Beiheft 7.

Stöhr O., Pilsl P., Staudinger M., Kleesadl G., Essl F., Englisch Th., Lugmair A. & Wittmann H. (2012): Beiträge zur Flora von Österreich, IV – Stapfia 97: 53–136.

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Vollmann F. (1914): Flora von Bayern – Ulmer-Verlag, Stuttgart, 840 S.

Weber H. (1995): Flora von Südwest-Niedersachsen und dem benachbarten Westfalen – H. Th. Wenner, Osnabrück.

Zündorf H.J., Günther K.F., Korsch H. & Westhus W. (2006): Flora von Thüringen. Weissdorn-Verlag, Jena: 764 S.