Scopolia

Tollkraut, Nachtschattengewächs, Solanaceae

Gattung:

Scopolia, exklusive Anisodus und Atropanthe, umfasst etwa 3 Arten (Kew 2023) in Europa, dem Kaukasusgebiet (S. caucasica) und in Ostasien (S. japonica).
 

Scopolia carniolica 

Krainer Tollkraut,
Scopolia carniolica 
Nachtschattengewächs, Solanaceae

 

Steckbrief: 

20−60 cm hohe, kahle Mehrjährige mit eiförmigen, zugespitzten, ganzrandigen bis gezähnten Blattspreiten. Blütenkrone glockig, 2−3 cm lang, außen purpurbraun, innen gelb, hängend, lang gestielt. Fruchtkapsel eiförmig, vom Kelch umgeben. Blütezeit April bis Mai.
 

Name:

Der Gattungsname ehrt den Arzt und Naturforscher Johann Anton Scopoli (1723–1788), der 16 Jahre als Arzt in einem Bergwerk in Idria in Krain arbeitete und zu dieser Zeit seine „Flora Carniolica“ verfasste. 56 neue Pflanzenarten beschrieb er aus diesem Gebiet. Scopolis Berufsweg war von Streit und Missgunst geprägt. In Idria lag er in Konflikt mit dem Bergwerksdirektor, Bergrat von Sartori, der ihm vorwarf, die Arbeit als Werksarzt nicht ernst zu nehmen und sich stattdessen lediglich mit Botanik und Entomologie zu beschäftigen. Mit Belsazar Hacquet kam es wegen ärztlicher Pflichten zu Differenzen. Als Professor an der Universität in Pavia geriet er bald in heftigen Streit mit seinem Kollegen Lazzaro Spallanzani, der ihn des Diebstahls von Sammlungsmaterial beschuldigte. Das Material tauchte später wieder auf, in Spallanzanis eigenem Haus. Dieser konnte dem Vorwurf des Diebstahls dadurch entgehen, dass er angab, es nur zur Sortierung und Bestimmung dahin verbracht zu haben. Aus Ärger über den Gesichtsverlust schob Spallanzani dem Kollegen einen von ihm aus Hühnerinnereien selbst fabrizierten „Eingeweidewurm“ unter. Scopoli fiel auf den Schwindel herein und publizierte den „Wurm“ unter dem Namen "Physis intestinalis". Spallanzani machte den Schwindel daraufhin in einem unter Pseudonym veröffentlichten Werk öffentlich und setzte seinen Konkurrenten so der Lächerlichkeit aus. Bald darauf auf diese Demütigung verstarb der schon länger kränkelnde und fast blinde Scopoli.
 

Nutzung: 

Zier- und Volksarzneipflanze. Auch in einer gelb blühenden Form hladnikiana und in einer nieder bleibenden Sorte `Zwanenburg´ im Pflanzenhandel. Inhaltsstoffe der Pflanze finden sich im kommerziellen Arzneimittel „Inosea“ von Sato-Pharmaceutical bei Magenbeschwerden.
 

 

Ausbreitung:

Beheimatet in Ost- und Südosteuropa. Im Gebiet seit spätestens dem 18. Jahrhundert in Kultur (Jäger & al. 2008). Selten verwildert, bei Wildbad-Einöd in der Steiermark seit etwa 100 Jahren vorkommend und hier großflächig eingebürgert.
 
DEUTSCHLAND: 
Vereinzelt, so von 1876 bis 1927 im Hardtwald bei Graben nördlich von Karlsruhe in Baden-Württemberg (Hegi 1975, Hand & Thieme 2024), früher in Augsburg, Regensburg und in schattigen Wäldern bei Passau in Bayern (Vollmann 1914, Hand & Thieme 2024, Meierott & al. 2024), 1878 in Berlin (Hegi 1975, Hand & Thieme 2024), 1879 in den Anlagen bei den Militärschießständen Neuruppin in Brandenburg (Warnstorf & Koehnen 1879, Hegi 1975, Hand & Thieme 2024), 1968 bis zumindest 2009 in einem Bruchwald bei Disley in Mecklenburg-Vorpommern (Fukarek & Henker 2005), ehemals bei Bennerscheid in Nordrhein-Westfalen (Wirtgen 1842), im Gutspark Güldengossa bei Leipzig in Sachsen (Gutte & al. 2013), Herrenkrug Magdeburg in Sachsen-Anhalt (Nickolmann & Walther 2004) und Thüringen (Zündorf & al. 2006).
ÖSTERREICH:
Bei Wildbad-Einöd in der Steiermark eingebürgert, hier schon von Fritsch (1930) angegeben und hier gegenwärtig in großen Beständen vorkommend. Früher im Schlosspark von Bruck a.d. Leitha auf niederösterreichischer Seite verwildert (Walz 1890, Janchen 1977, Glaser & al. 2025) und vorübergehend in Wien (Glaser & al. 2025). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1890 (Walz 1890, Glaser & al. 2025). Angaben für Kärnten und Oberösterreich werden in Glaser & al. (2025) als irrig geführt. Für Oberösterreich schreibt Schwab (1906–1909): „Von Ferdinand Kayser 1907 unterhalb der Pestleithen gefunden, aus dem Botanischen Garten“. Es hat sich dabei vermutlich um einen Scherz eines damaligen Schülers gehandelt, der seinem Lehrer eine Pflanze aus dem damaligen Botanischen Garten „unterschob“ (Hohla & al. 2009). In Südtirol ehemals bei Toblach (Dalla-Torre & Sarntheim 1909).
SCHWEIZ: ---

 
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in Norwegen (Gederaas & al. 2012), den Niederlanden (FLORON 2021) und seit 1866 in Tschechien (Pyšek & al. 2012).

 

Quellen

Dalla Torre W. K. & Sarnthein L. (1909): Flora der gefürsteten Grafschaft Tirol, des Landes Vorarlberg und des Fürstenthumes Lichtenstein. Band VI, 2. Teil, 964 p. – Innsbruck: Wagner’sche Univ.-Buchhandlung.

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Fritsch K. (1930): Neunter Beitrag zur Flora von Steiermark. Mitt. naturw. Ver. Steiermark, 67:
53—89.

Fukarek F. & Henker H. (2005): Flora von Mecklenburg-Vorpommern – Farn- und Blütenpflanzen. Herausgegeben von Heinz Henker und Christian Berg, Weißdorn-Verlag Jena, 428 S.

Gederaas L., Loennechen Moen T., Skjelseth S. & Larsen L.-K. (2012): Alien species in Norway, with the Norwegian Black List - http://www.scales-project.net/NPDOCS/
AlienSpeciesNorway_2012_scr_9C0ee.pdf

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Gutte P., Hardtke H. J. & Schmidt P. A. (2013): Die Flora Sachsens und angrenzender Gebiete: Ein pflanzenkundlicher Exkursionsführer - Quelle & Meyer.

Hand R. & Thieme M. (2024): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hegi G. (1975): Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band 5 (Teil 4). 3.Aufl. – Paul Parey, Berlin und Hamburg.

Hohla M., Stöhr O., Brandstätter G., Danner J., Diewald W., Essl F., Fiederer H., Grims F., Höglinger F., Kleesadl G., Kraml A.G., Lenglachner F., Lugmair A., Nadler K., Niklfeld H., Schmalzer A., Schratt-Ehrendorfer L., Schröck C., Strauch M. & Wittmann H. (2009): Katalog und Rote Liste der Gefäßpflanzen Oberösterreichs. – Stapfia 91: 1–324.

Jäger E. J., Ebel F., Hanelt P. & Müller G. K. (2008): In: Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, Band 5, Krautige Zier- und Nutzpflanzen. Spektrum, 874 S.



Janchen E. (1977): Flora von Wien, Niederösterreich und Nordburgenland. — Verein für Landeskunde von Niederösterreich und Wien 2. Aufl. 757 S.

Kew (2023): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Lippert W. & Meierott L. (2014) – Kommentierte Artenliste der Farn- und Blütenpflanzen Bayerns – Bayerische Botanische Gesellschaft, München, 407 S.

Meierott L., Fleischmann A., Klotz J., Ruff M. & W. Lippert (2024): Flora von Bayern – Haupt Verlag, Bern, 4 Bände.

Nickolmann S. & D. Walther (2004): Beiträge zur aktuellen Stadtvegetation von Magdeburg. Floristische Beobachtungen von 1993–2003 – Museum für Naturkunde Magdeburg, Abhandlungen und Berichte für Naturkunde 27(1): 6-128.

Pyšek P., Danihelka J., Sádlo J., Chrtek J. jr., Chytrý M., Jarošík V., Kaplan Z., Krahulec F., Moravcová L., Pergl J., Štajerová K. & Tichý L. (2012): Catalogue of alien plants of the Czech Re­public (2nd edition): checklist update, taxonomic diversity and invasion patterns. – Preslia 84: 155–255.

Schwab P.F. (1906–1909): Kartei der Flora von Kremsmünster — Kustodiatsarchiv der Sternwarte Kremsmünster

Vollmann F. (1914): Flora von Bayern – Ulmer-Verlag, Stuttgart, 840 S.

Walz R. (1890): Zur Flora des Leithagebirges. Verhandlungen der Zoologisch-Botanischen Gesellschaft in Wien 40: 549–570.

Warnstorf C. & Koehnen E. (1879): Zwei Tage in Havelberg und ein Ausflug nach Oberpriegnitz. Ein Beitrag zur Flora der Mark – Verhandlungen des Botanischen Vereins für die Provinz Brandenburg 21: 144-170.

Wirtgen P.W. (1842): Prodromus der Flora der preussischen Rheinlande, erste Abteilung. Phanerogamen. Bonn, 208 S.

Zündorf H.J., Günther K.F., Korsch H. & Westhus W. (2006): Flora von Thüringen. Weissdorn-Verlag, Jena: 764 S.