Sarracenia

Schlauchpflanze, Schlauchpflanzengewächs, Sarraceniaceae

Gattung:

Sarracenia umfasst etwa 11 nordamerikanische Arten (Kew 2023) mit Hauptverbreitung in den östlichen USA. Da Schlauchpflanzen bereitwillig miteinander hybridisieren, ihre Hybriden fruchtbar sind und die Artareale sich teils überschneiden, kommt es in der Natur zu zahlreichen Zwischenformen. Diese waren in der Vergangenheit immer wieder Anlass zur Beschreibung von neuen, aber zweifelhaften Taxa. Im Gartenbau befinden sich etwa 100 Sippen (Barthlott & al. 2007). Viele davon sind alte Bezeichnungen und gehören in die Synonymie.
 

Sarracenia purpurea  

Rote Schlauchpflanze,
Sarracenia purpurea s.lat.
Schlauchpflanzengewächs, Sarraceniaceae

 

Steckbrief: 

Insektivore Pflanze mit grundständigen, 5–25 cm langen, bogig aufsteigenden, bauchig erweiterten, Schläuche bildenden Blättern, die als Insektenfallen dienen. Blüten 3–4 cm im Ø, einzeln auf 20–50 cm hohen, aufrechten, blattlosen Stängeln, gelbgrün bis rot, nickend, kugelig, mit je 5 Kelch- und Kronblättern. Staubblätter zahlreich. Frucht eine fünffächerige Kapsel. Blütezeit Juni.
 
 

Name:

Zu Ehren des französisch-kanadischen Arztes Michel Sarrazin (1659−1736). Sarrazin war ab 1685 in Neufrankreich (Kanada) als Militärarzt tätig und leitete ab 1697 das Hôtel Dieu in Québec. Er sammelte dort Pflanzen und Mineralien, untersuchte die Anatomie von Tieren (Biber, Murmeltier, Seehund) und schrieb u.a. eine Naturgeschichte Kanadas (Burkhardt 2018). Etwa 1698 sandte Sarrazin lebende Exemplare der Roten Schlauchpflanze an den Pariser Botaniker Joseph Pitton de Tournefort, der sie 1700 als „Sarracena Canadensis“ beschrieb. Linné übernahm den Gattungsnamen 1753 leicht verändert. 1773 gelang die erste aufgezeichnete Blüte in Kultur. 1793 erwähnte William Bartram in seinem Buch über seine Reisen in Nordamerika, dass sich in den Schläuchen der Pflanzen zahlreiche Insekten fänden, bezweifelte aber, dass sie irgendeinen Nutzen daraus zögen. 1887 gelang es dem Amateurbotaniker Joseph H. Mellichamp erstmals, die von Charles Darwin 1875 vermutete Karnivorie der Gattung zu belegen.
 

Nutzung:

Liebhaberpflanze fürs Carnivoren- oder Moorbeet. Die Schläuche werden auch in der Floristik genutzt. Die Art bildet am heimischen Standort Hybriden mit S. leucophylla. In gärtnerischer Kultur finden sich Hybriden mit 4 weiteren Arten (Jäger & al. 2008).
Sarracenia-Arten enthalten das Alkaloid Coniin, das auch im Schierling enthalten ist. Dieses Gift kann Ameisen lähmen und dient womöglich als Lockstoff, damit die Insekten in die Kannen gelangen, als auch als Betäubungsmittel (Hotti & al. 2017). Die Carnivore lockt Insekten aber auch mit Nektar und durch ihre attraktive Farbe an. Glatte Oberflächen und abwärts gerichtete Haare in den Schläuchen verhindern deren Entkommen. In den Schläuchen sammelt sich das Regenwasser, dem die Pflanze Stoffe zur Brechung der Oberflächenspannung und Verdauungsenzyme beimischt. Als Verdauungshilfe enthält das Wasser zudem Bakterienkulturen (Wohlgemuth & al. 2020).

 

Ausbreitung: 

Nordamerikanische Art, die in Europa, noch vor Sarrazin, etwa 1640 erstmals am englischen Königshof von John Tradescant (1608−1662) kultiviert wurde, der sie aus Virginia mitgebracht hatte. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts in einem Moor bei Senkeld in Schottland beobachtet. 1906 wurden Pflanzen in drei irländischen Mooren ausgesetzt, in denen sie sich mittlerweile stark ausgebreitet haben (Weber 1995). 1948 wurde S. purpurea in einem Moor bei Blekinge in Südschweden ausgebracht, wo bereits 1979 mehr als 1000 daraus entwickelte Exemplare zu beobachten waren (Weber 1995).
Im Gebiet ganz vereinzelt in Mooren auftretend.
DEUTSCHLAND:
Bisher wenige Vorkommen, so bei Saltendorf, 2012 Häusellohmoor bei Selb, 2004 Waldmoor beim Finkenstich, 2013 Hochmoor bei Teisendorf, 2012 an den Arberseen im Bayerischen Wald und im Chiemgau in Bayern (Fürsch 2001, Diewald & Scheurer 2013, Hassler & Muer 2022, Meierott & al. 2024). Die Bestände am Arbersee in Bayern wurden durch Pflegemaßnahmen beseitigt (Hassler & Muer 2022). Weiters in Brandenburg (Hand & Thieme 2024) und 2021 in einem Heidemoor bei Eschede im Landkreis Celle in Niedersachsen (Langbehn 2022). Im Naturschutzgebiet Elmpter Schwalmbruch im Kreis Viersen in Nordrhein-Westfalen seit dem Jahr 2009 bekannt. Wegen zunehmender Ausbreitung und Verjüngung werden die Pflanzen hier seit 2012 dezimiert (BBV 2013). Um 1963 bei Bernsdorf nahe Kamenz in Sachsen angesalbt und seitdem Teil der Moorvegetation (Hardtke & Ihl 2000). Außerdem in Sachsen in einem Hangmoor bei Schwarzkolm bei Hoyerswerda (Wünsche & al. 2017). Der Erstnachweis für Bayern erfolgte 1991 bei Saltendorf in Mittelfranken (Meierott & al. 2024). Die Art wurde dort bereits 1975 angesalbt (Meierott & al. 2024).
ÖSTERREICH:
Eine Schlauchpflanze wurde um 1980 im Kleckermoos in Niederösterreich ausgepflanzt. Diese hat sich lange gehalten, breitet sich aber nicht aus. Weiters beim Grünen See im Hochschwab-Gebiet in der Steiermark und wahrscheinlich auch hier angesalbt (Stöhr & al. 2007). Beide (angesalbten) Fundorte zeigen keine Ausbreitungstendenz der Pflanze und bleiben in der Karte unberücksichtigt.
SCHWEIZ:
Die älteste Ansalbung in Mitteleuropa findet sich im Schweizer Jura. Sie ist über 100 Jahre alt, die Art hat sich hier etabliert. Die Pflanzen stammen aus Samen, die 1890 aus Kanada eingeführt und von einem Cornu aus Vevey ausgesät wurden (Thellung 1915). Im Hochmoor Marais des Tenasses bei Vevey im Kanton Waadt haben sich so große Bestände entwickelt, dass zeitweise von ihnen Schnittblumen geerntet und auf dem Markt verkauft wurden (Weber 1995). Weitere Vorkommen sind in der Schweiz u.a. aus Neuenburg, St. Gallen, Waadt, Wallis und Rüti im Kanton Zürich bekannt (Moser & Palese 1999, Infoflora 2024). Bei Rüti im Kanton Zürich wurde die Art angesalbt und 1974 erstmals beschrieben. Sie findet sich dort auch heute noch (Wohlgemuth & al. 2020).
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), den Niederlanden (FLORON 2021), Irland (Jalas & al. 1999), Großbritannien (Jalas & al. 1999), Dänemark (Jalas & al. 1999), Schweden (Jalas & al. 1999) und seit 2010 in Tschechien (Pyšek & al. 2012).
 
 

 
Weitere Sippen:
Angesalbt finden sich weitere Sarracenia-Sippen im Gebiet (Adlassnig & al. 2010). So etwa eine einzelne Pflanze von Sarracenia flava und S. cf.alata im Ibmer Moos in Oberösterreich. Sarracenia leucophylla × S. cf.rubra konnte in einem Übergangsmoor im Oberen Weilhartforst bei Geretsberg in Oberösterreich gefunden werden (Stöhr & al. 2007). Sarracenia flava wurde auch am Weißensee in Kärnten angesalbt (Zimmermann 2020)
Sarracenia oreophila wurde in einem Hochmoor des bayerischen Chiemgaus angesalbt (Fleischmann 2016), sie bildete dort spontane Hybriden mit S. purpurea (Fleischmann 2016).
 

Quellen

Adlassnig W., Mayer E., Peroutka M., Pois W. & Lichtscheidl K. (2010): Two American Sarracenia species as neophyta in -Central Europe. Phyton 49: 279-292.

Barthlott W., S. Porembski, R. Seine & I. Theisen (2007): The Curious World of Carnivorous Plants – Portland, Timber Press.

BBV-Bochumer Botanischer Verein (2013): Beiträge zur Flora Nordrhein-Westfalens aus dem Jahr 2013 - Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 5: 130–163.

Burkhardt L. (2018): Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen Teil 1 - https://www.bgbm.org/sites/default/files/
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Diewald W. & Scheuerer M. (2013): Sarracenia purpurea an den Arberseen. – Hoppea 74: 235 – 241.

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Fürsch H. (2001): Sarracenia purpurea im Bayerischen Wald. – Ber. Bayer. Bot. Ges. 71: 169 – 170.

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Hardtke H.-J. & Ihl A. (2000): Atlas der Farn- und Samenpflanzen Sachsens – Sächsisches Landesamt für Umwelt und Geologie, Dresden. 806 S.

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Hotti H., Gopalacharyulu P., Seppänen-Laakso T. & Rischer H. (2017): Metabolite profiling of the carnivorous pitcher plants Darlingtonia and Sarracenia - PLOS ONE.  12(2

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Zimmermann T. (2020): Sarracenia cf. flava am Weißensee - http://forum.flora-austria.at/viewtopic.php?f=10&t=2283&hilit=sarracenia