Phelipanche

Blauwürger, Sommerwurzgewächs, Orobanchaceae

Gattung:

Phelipanche war lange Zeit Teil von Orobanche. Nach molekulargenetischen Untersuchungen trennte Joel (2009) Phelipanche mit Chromosomengrundzahl 12 von Orobanche mit Chromosomengrundzahl 19 ab. Schneider stellt 2016 weitere Arten in die reaktivierte Gattung Aphyllon. Phelipanche umfasst etwa 70 vollparasitische Arten mit Mannigfaltigkeitszentren im anatolisch-transkaukasisch-persischen Gebiet und in Spanien, Marokko und Algerien.
 

Phelipanche ramosa

Hanf-Blauwürger,
Phelipanche ramosa
Sommerwurzgewächs, Orobanchaceae      

 

Steckbrief:

Bis 30 cm hohe, oft in büschligen Gruppen wachsende Einjährige mit mehreren Sprossachsen und unten verzweigten Sprossen mit Seitenästen. Stängel meist hellbraun. Krone 10–15 mm lang, Basis gelblich, Spitze hellblau. Kelch bauchig, Kelchblätter verwachsen, an der Basis der Kelchblätter mit zwei Vorblättern. Narbe weißlich oder hellblau. Blütezeit Juni bis September.
 

Heimat:

Als Schmarotzer auf Hanf, einer der ältesten Kulturpflanzen, ist das ursprüngliche Verbreitungsgebiet nur mehr schlecht zu ermitteln. Wahrscheinlich ist es das Mittelmeergebiet oder Zentralasien.
 

Nutzung:

Keine.
Wirtspflanzen sind Hanf, Tabak, Kartoffel, Tomate und Raps, weiters Ackerbohne, Aubergine, Bockshornklee, Bohne, Brokkoli, Erbse, Erdnuss, Färber-Saflor, Fenchel, Gurke, Hopfenklee, Karfiol, Karotte, Kichererbse, Klee, Koriander, Kraut, Kren, Kümmel, Kürbis, Linse, Lupine, Melone, Paprika, Pastinak, Petersilie, Pfefferoni, Salat, Sellerie, Senf, Sonnenblumen, Wassermelone, Wicke und Zwiebel (Lloyd & al. 2000, CABI 2022, Meierott & al. 2024).

 

Ausbreitung:

Von P. ramosa sind keine Wildvorkommen bekannt. Die Art ist wohl erst in menschlichen Hanfkulturen entstanden (Meierott & al. 2024). Schmarotzt ursprünglich auf Hanf, später vor allem auf Tabak, selten auf anderen Wirtspflanzen. Nach Mitteleuropa ist die Art wahrscheinlich mit Beginn des Hanfanbaues um 500 v. Chr. eingewandert (Körber-Groehne 1987) und ist deshalb vielleicht ein Archäophyt. Sie galt früher als ertragsmindernde Schadpflanze im Tabakanbau. Mit dem Rückgang des Tabak- und Hanfanbaus ist auch P. ramosa stark zurückgegangen. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war der Hanf-Blauwürger ein Problem für die damals weit verbreiteten Tabakkulturen der Rheinebene. Ab 1970 nahm der Tabakanbau dramatisch ab, und genauso die Bestände des Schmarotzers (Hassler 2020).
In den letzten Jahren erscheint die Pflanze als Schmarotzer auf Tomaten wieder verstärkt. Auch in Kartoffel und Petersilie. Petersilie wurde früher als Fallenpflanze genutzt (Kohlschmid & al. 2011). Seit etwa 10 Jahren ist sie auch auf Raps, z.B. in Frankreich, zu finden (Hassler & Muer 2022). Dort führt sie zu Ertragseinbußen in Raps von bis zu 80 % (Gibot-Leclerc & al. 2012).
Der Hanf-Blauwürger wird von der Sommerwurzfliege Phytomyza orobanchia in weiten Teilen ihres Verbreitungsgebiets geschädigt. Ein hoher Anteil der Pflanzen kann durch Larven, die die Samenproduktion reduzieren, geschädigt werden, was zu einer Infektion durch Pilze und einem Kollaps führt. Die Fliege wurde zur biologischen Bekämpfung eingesetzt und war in der ehemaligen Sowjetunion jahrzehntelang wirksam. Dieses biologische Bekämpfungsmittel wurde jedoch aufgrund der Ausbreitung von Hyperparasiten, die die Phytomyza-Puppen angreifen, allmählich weniger wirksam (CABI 2022).
DEUTSCHLAND:
1990 auf Tabak in Neu-Forchheim, 1991 bei Oftersheim, 1989 bei Weinheim-Sulzbach und 1994 in Allmansweier in Baden-Württemberg (Sebald & al. 1996, Hand & Thieme 2024), u.a. vor 1943 auf Hanf bei Grafenrheinfeld, um 1852 auf Hanf bei Röthlein, um 1892 auf Hanf zwischen Russenbach und Ebermannstadt, ehemals auf Kren bei Baiersdorf und um 1870 in Hanffeldern bei Freilassing in Bayern (Meierott 2008, Meierott & al. 2024), ehemals in Berlin (Seitz & al. 2012), ehemals in Brandenburg (Hand & Thieme 2024), ehemals in Hamburg (Hand & Thieme 2024), um 1830 von Nonne bei Usingen in Hessen gesammelt (Gregor & al. 2012, sub Orobanche ramosa), ehemals in Mecklenburg-Vorpommern (Hand & Thieme 2024), ehemals in Niedersachsen (Hand & Thieme 2024), ehemals auf Hanf bei Delbrück in Nordrhein-Westfalen (Kulbrock & al. 2005), ehemals bei Zewen, Euren, Wittlich und Trier in Rheinland-Pfalz (Hand & al. 2016), ehemals im Saarland (Hand & Thieme 2024), ehemals in Sachsen (Hand & Thieme 2024), ehemals in Sachsen-Anhalt (Hand & Thieme 2024) und ehemals bei Apolda in Thüringen (Peterlein 2024 sub Orobanche ramosa). Der Erstnachweis für Bayern erfolgte 1849 in Augsburg (Meierott & al. 2024). Die Art wird in der deutschen Florenliste (Hand & Thieme 2023 sub Orobanche ramosa) als indigen geführt.
ÖSTERREICH:
Ehedem bei Althodis (Borbás 1887) und Rattersdorf (Waisbecker 1891) im Burgenland, neuerdings in Wallern im burgenländischen Seewinkel auf Tomaten (Bedlan 2011), ehemals in Kärnten (FKÖ 2021), früher in Hanffeldern bei Ostermiething und Ettenau in Oberösterreich (Vierhapper 1887) und ehemals in Nordtirol (Pagitz & al. 2023). Die Art ist laut „Roter Liste Tirol“ ein Archäophyt (Pagitz & al. 2023).
SCHWEIZ:
Früher mehrfach, so bei Möhlin im Kanton Aargau (Lüthi 2018), in den Kantonen Bern, Genf, Graubünden, Jura, Schaffhausen (Welten & Sutter 1982, Infoflora 2024), 1828 bei Olsberg im Kanton Solothurn (Lüthi 2018, Infoflora 2023), in den Kantonen Tessin, Waadt, Wallis (Infoflora 2024) und ehemals in Hanfkulturen beim Burghölzli und am Katzensee in Zürich (Landolt 2001). Im Kanton Zürich nur vor 1931 aus 6 Flächen nachgewiesen. Mit der Aufgabe des Hanfanbaues und den veränderten Kulturbedingungen nahm die Art schon im 19. Jahrhundert stark ab, obwohl sie auch auf Mais, Tomate, Kartoffel und anderen Kulturen parasitieren kann (Wohlgemuth & al. 2020).
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), den Niederlanden (FLORON 2021), 1874 in Irland (Seebens & al. 2017 sub Orobanche ramosa), 1925 in Estland (Seebens & al. 2017 sub Orobanche ramosa), 1950 in Litauen (Seebens & al. 2017 sub Orobanche ramosa), in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).
 

 

Quellen

Bedlan G. (2011): Erstnachweis von Phelipanche ramosa an Tomaten (Solanum lycopersicum) in Österreich – Journal für Kulturpflanzen, Ulmer 63 (4): 111–112.

Borbás V. (1887): Vasvármegye növényföldrajza és flórája (Geographia atque enumeratio plantarum comitatus Castriferrei in Hungaria). – Szombathely: Vasmegyei Gazdasági Egyesület.

Buschmann H. (2004): Hanftod, Tabakwürger – bald auch eine Bedrohung für den Raps. Gesunde Pflanzen 56, 39-47.

Gibot-Leclerc S., Sallé G., Reboud X. & D. Moreau (2012): What are the traits of Phelipanche ramosa (L.) Pomel that contribute to the success of its biological cycle on its host Brassica napus L.? – Flora 207: 512-521.

FKÖ (2021): Arbeits-Verbreitungskarten zum Atlas der Flora Österreichs - Projektdatenbank zur Floristischen Kartierung Österreichs.

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Gregor T., Hodvina S., Barth U., Bönsel D., Feuring C. & Übeler M. (2012):  Weiterführung der hessischen Florenliste -  Botanik und Naturschutz in Hessen 24, 71–105.

Hand R., Reichert H., Bujnoch W., Kottke U. & Caspari S. (2016): Flora der Region Trier – 2 Bände, Verlag Michael Weyland, Trier. 1634 S.

Hand R. & Thieme M. (2024): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hassler M. (2020): Pflanze des Monats Oktober 2020: Der Tabakwürger (Phelipanche ramosa) - Agnus: Pflanze des Monats Oktober 2020: Der Tabakwürger (Phelipanche ramosa) (agnus-bruchsal.com)

Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände.  

Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

Kohlschmid E., D. Müller-Stöver & J. Sauerborn (2011): Ausbreitung des parasitischen Unkrauts Phelipanche ramosa in der deutschen Landwirtschaft – Gesunde Pflanze 63: 69-74.

Kulbrock P., Lienenbecker H. & G. Kulbrock (2005): Beiträge zu einer Neuauflage der Flora von Bielefeld-Gütersloh – Teil 6 - Ber. Naturwiss. Verein für Bielefeld u. Umgegend 45: 97-240.

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Lloyd S., G. Power & G. Shea (2000): Branched Broomrape. An exotic threat to Western Australia. Information services Agriculture Western Australia

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