Paulownia

Blauglockenbaum, Blauglockenbaumgewächs, Paulowniaceae

Gattung:

Paulownia umfasst etwa 7 ostasiatische Arten (Kew 2023).
 

Paulownia tomentosa  

Blauglockenbaum,
Paulownia tomentosa  
Blauglockenbaumgewächs, Paulowniaceae

 

Steckbrief: 

Bis zu 15 m hoher, sommergrüner Baum mit auffallend großen, unterseits samtig behaarten Blättern. Blüten glockenförmig, lila, in großen, traubigen Blütenständen. Fruchtkapseln eiförmig, 3–4,5 cm lang, sich meist Anfang Januar bei trockenem und sonnigem Wetter öffnend.  Samen etwa 4 mm lang, geflügelt und sehr leicht. Blütezeit Mai.
 

Name: 

Der Gattungsname Paulownia wurde vom deutschen Botaniker, Pflanzensammler und Japanforscher Philipp Franz von Siebold ausgewählt, der die Pflanze 1835 nach der russischen Prinzessin und späteren Großfürstin Anna Paulowna von Holstein-Gottorp-Romanow (1795–1865) benannte. Siebold stand in Diensten ihres Vaters, dem Zar Paul I. (1754–1801). Die Mutter von Anna Paulowna war Marie Feodorowna, geb. Prinzessin Sophia Dorothea von Württemberg, Schwester von Zar Alexander I. und Zar Nikolaus I. (1796−1855), Enkelin von Katherina der Großen (1729−1796) und war mit Wilhelm II. von Oranien-Nassau, später König Willem II. der Niederlande verheiratet.
Anna Paulowna war umfassend auch in den Naturwissenschaften gebildet. Neben dem Blauglockenbaum trägt der Ort Anna Paulowna im Norden der Niederlande ihren Namen. Nach Wilhelms Tod lebte sie zurückgezogen (Burkhardt 2018, Dörken & al. 2022).

 
 

Nutzung: 

Zier- und Energiegehölz. In wenigen Sorten wie `Coreana´ (vor 1915) mit violetten, innen gelb gefleckten Blüten, `Hulsdonk´ (2002), die schon als 1- oder 2-jährige Pflanze blüht und `Lilacina´ (etwa 1908) mit helllila, innen hellgelb gestreiften Blüten (Bärtels & Schmidt 2014). Die Art ist rauchhart, stadtklimafest, wärmeliebend, verträgt sommerliche Trockenperioden und steht früh im Saft (Bruns 2009). Das Holz ist leicht und wird als Zwischenschicht beispielsweise im Musikinstrumentenbau, etwa in Elektrogitarren, im Möbelbau, für Tischtennisschläger oder als Kernmaterial für Surfbretter genutzt. Die kommerzielle Wertholzerzeugung wurde bald Gegenstand von Geldanlagen. Bei Pflanzungen in Australien blieb die Rendite auf Grund von Buschfeuern und Pflanzenkrankheiten jedoch weit hinter den Erwartungen zurück. Viele Personen verloren ihr angelegtes Geld (ABC-News 2015). Seit 2012 wird der Blauglockenbaum in Plantagen zur Nutzholzgewinnung kultiviert.
 

Ausbreitung: 

Chinesische Art, nach Europa 1834 durch den deutschen, in niederländischen Diensten stehenden Naturforscher Philipp Franz von Siebold (1796–1866) gekommen und erstmals im Botanischen Garten Paris gepflanzt (Bean 1950). 1843 wurde die Art in Hamburg im Handel angeboten (Speidel 1843).
 
Der Blauglockenbaum vermehrt sich vegetativ über Ausläufer und generativ durch Samen. Die Samen werden durch Wind und Wasser verbreitet und benötigen offene Pionierstandorte, um zu keimen. Auch Mauerritzen oder Straßenbelagsspalten können geeignete Wuchsorte sein. Früchte bildet der Baum ab einem Alter von 8–10 Jahren, ein reicher Fruchtansatz findet meist im 2-jährigen Turnus statt. Bis zu 20 Millionen Samen kann ein Baum im Jahr produzieren.
 
Erste Verwilderung in Deutschland sind aus dem Jahr 1925 bekannt, doch wurde eine vermehrte und selbstständige Ausbreitung erst seit den 1970er- und 1980er-Jahren beobachtet, und zwar zunächst in den wärmsten Regionen in Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg (Kiermeier 1977, Dörken & al. 2023). Verwilderungen finden sich bevorzugt in Regionen mit Blockbebauung, großen Parkplätzen, Bahngeländen und Brachflächen. Der Großteil der Verwilderungen kommt dabei auf stark versiegelten Standorten vor, welche deutlich als innerstädtische Wärmeinseln auf der Infrarotkarte erkennbar sind. Böden mit geringem Wasserspeichervermögen und einem basischen Substrat werden besonders stark besiedelt. Solche Standorte haben einen wichtigen Vorteil gegenüber offenen Böden: Eine dicke Schicht aus Gehwegbelägen schützt die empfindlichen Wurzeln deutlich besser vor Frost (Richter & Böcker 2001). Versiegelte Flächen, deren Oberflächentemperatur im Sommer teilweise über 60°C beträgt, gelten für viele Pflanzen aufgrund der angespannten Wasserverfügbarkeit als lebensfeindlich. Da aber bei Blauglockenbäumen die Wurzeln sehr wuchsfreudig sind, können sich Sämlinge und Jungpflanzen durch ein exzessives Wurzelwachstum in der feuchteren Jahreszeit rasch tiefere Bodenschichten erschließen (Richter & Böcker 2001).
 
Im Gebiet gegenwärtig vielerorts verwildert, lokal auch eingebürgert, mit Verbreitungsschwerpunkten im Rheintal, in Südtirol, dem Tessin und im Schweizer Mittelland. In weiterer Ausbreitung begriffen. In Deutschland hat sie den Status einer potentiell invasiven Art und ist auf der grauen Liste des Bundesamts für Naturschutz aufgeführt. Auch in der Schweiz auf der „Watchlist für invasive Neophyten“. Um eine zu starke Verwilderung aus solchen Anpflanzungen zu begrenzen, wird in der Schweiz mittlerweile die Hybride `Nordmax 21´ gepflanzt, die sich nicht mehr unkontrolliert ausbreiten soll (Dörken & al. 2023).
 
DEUTSCHLAND:
Größere Bestände finden sich in wärmeren Regionen Südwestdeutschlands. Tendenziell eingebürgert ist die Art in Baden-Württemberg, Hessen, Nordrhein-Westfalen. Rheinland-Pfalz und Sachsen. In Geisenheim in Hessen konnte ein etwa 50jähriges Exemplar aus spontanem Aufwuchs nachgewiesen werden (Kiermeier 1977). Weiters unbeständig in Bayern, Berlin, Niedersachsen und Thüringen (Hand & Thieme 2023). In weiterer Ausbreitung begriffen.
ÖSTERREICH:
Vielfach verwildert, so im Nordburgenland (Gilli & al. 2022), in Kärnten (Fischer & al. 2008), Niederösterreich (Fischer & al. 2008), Oberösterreich (Melzer & Barta 1996, Hohla & al. 1998, Kleesadl 2021), Kuchl im Salzburger Tennengau (Pflugbeil & al. 2017), mehrfach in Graz und im steirischen Hügelland (Berg 2015), Nordtirol (Pagitz & al. 2023), Bregenzer Bahnhof und Dornbirn in Vorarlberg (Stöhr & al. 2009, Hohla 2014) und Wien (Essl 2005, Essl & Stöhr 2006). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1965 (Glaser & al. 2025). Der Blauglockenbaum war der Lieblingsbaum von Kaiser Franz Joseph. Viele der Bäume, die heute in allen Ländern des ehemaligen Österreichischen Kaiserreichs stehen, gehen auf seine Anordnung zum Pflanzen der Bäume zurück. In Südtirol lokal eingebürgert (Wilhalm & al. 2002).
SCHWEIZ:
In wärmebegünstigten Teilen der Schweiz, so vielfach im Aargau (Infoflora 2024), in Liestal, Hersberg und Arisdorf im Oberbaselbiet im Kanton Basel-Landschaft (Lüthi 2018), Bern, Genf, Glarus, Tallagen in Graubünden, Luzern, Neuenburg, Nidwalden, St. Gallen, Tessin, Thurgau, Uri, Lausanne im Kanton Waadt, Wallis, Zug und Zürich (Landoldt 1993, Brodtbeck & al. 1999, Infoflora 2024). Im Kanton Zürich 1984 bis 1998 in 14 Quadranten der Stadt Zürich festgestellt, gegenwärtig in gut 20 % der Flächen (Wohlgemuth & al. 2020). In der Schweiz besonders in den letzten Jahren in Ausbreitung begriffen und hier auf der Beobachtungsliste der invasiven Neophyten (Wohlgemuth & al. 2020) stehend.

 
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), seit 1970 in Rumänien (Seebens & al. 2017), in den Niederlanden (FLORON 2021), in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und seit 1988 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).  
Paulownia-Fruchtstände nutzte man als Verpackungsmaterial für Waren, die von Ostasien nach Nordamerika verschifft wurden, was zu Blauglockenbaum-Hainen führte, wo sie in der Nähe von großen Häfen entsorgt wurden.

 

Quellen

ABC-News (2015):  'Doomed' paulownia tree investment schemes leave hundreds without life savings.

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Bruns J. (2009): Bruns Pflanzen – Sortimentskatalog Gehölze 2009/2010 – Ulmer Verlag, 1123 S.

Burkhardt L. (2018): Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen Teil 1 - https://www.bgbm.org/sites/default/files/
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Essl F. & Stöhr O., 2006: Bemerkenswerte floristische Funde aus Wien, Niederösterreich, dem Burgenland und der Steiermark, Teil III. – Linzer biologische Beiträge 38(1): 121–163.

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