Orobanche

Sommerwurz, Sommerwurzgewächs, Orobanchaceae

Gattung:

Orobanche umfasst im traditionellen Sinn etwa 199 Arten an Vollschmarotzern (Kew 2023). Akzeptiert man die Abspaltung von Phelipanche und der 2016 reaktivierten Gattung Aphyllon verbleiben nur noch etwa 100 Arten bei Orobanche s.str.
In der Landwirtschaft wird zum Bekämpfen der Sommerwurze in Kulturen auf Fangpflanzen gesetzt. Das sind Pflanzen, die die Keimung der Sommerwurz-Samen bewirken, die aber in Wirklichkeit keine Wirtspflanzen sind und daher den Parasiten zum Absterben bringen. Erfolgreich wurde dieses System bereits in Sonnenblumen-Kulturen eingesetzt, wo Mais als Lockpflanze für die Sonnenblumen-Sommerwurz, Orobanche cumana, fungierte. Tatsächlich parasitieren alle Sommerwurz-Arten nur auf zweikeimblättrigen Pflanzen und so ist auch Mais keine wirkliche Wirtspflanze.
Sommerwurzsamen sind winzig. Sie enthalten einen noch kleineren Embryo und etwas Nährgewebe. Das reicht gerade für ein Wachstum von einigen wenigen Millimetern, dann muss der Wirt erreicht sein. So erklärt sich auch die hohe Samenproduktion. Eine Kapselfrucht kann einige Tausend Samen enthalten und eine Sommerwurzpflanze kann gut 250.000 Samen bilden, die dann vom Wind verbreitet werden. Der Same kann mehrere Jahre oder Jahrzehnte im Boden ausdauern, ohne an Keimfähigkeit zu verlieren. Geduldig wartet er, bis die Wurzel einer potentiellen Wirtspflanze vorbeikommt. Die Keimung wird von Keimungsinduktoren ausgelöst, die von Wurzeln der Wirtspflanze ausgeschieden werden. Erreicht die Keimwurzel eine Wirtswurzel, dringt sie in diese ein und bildet auf der Wurzeloberfläche ihres Wirtes ein Speicherorgan, an dem sich der spätere Spross bildet. Schon vor rund 200 Jahren machte man die Entdeckung, dass keimende Sommerwurzsamen direkt auf die nächste Wirtswurzel zuwachsen.

 

Orobanche crenata

Gezähnte Sommerwurz,
Orobanche crenata,
(Syn.: O. speciosa)
Sommerwurzgewächs, Orobanchaceae
 

Steckbrief: 

20–50 cm hohe, einjährige Schmarotzerpflanze mit dickem, purpurbraunem Stängel und degradierten braunen Schuppenblättern. Blütenstand dicht, filzig behaart. Tragblätter 15–25 mm lang, zugespitzt, Kelch 10–20 mm lang, zweigezähnt. Krone 20–30 mm lang, weiß, violett gezeichnet, gerade bis leicht gekrümmt, Lappenränder gezähnt. Die Narbe ist purpurn, rosa, gelb oder weiß. Blütezeit Mai bis Juni.
 

Nutzung: 

Keine.
 

Ausbreitung: 

Beheimatet im weiten Mittelmeergebiet und da vor allem auf Hülsenfrüchtlern schmarotzend, so etwa auf Vicia faba und Pisum sativum. Weiters festgestellt auf Mannstreu-Arten, Eryngium spec.; Storchschnabel-Arten, Geranium spec.; Zonal-Pelargonie, Pelargonium zonale und Kapuzinerkresse-Arten, Tropaeolum spec.
 
Im Gebiet sehr selten und vorübergehend.
DEUTSCHLAND: 
Angegeben ehemals bei Dietenheim in Baden-Württemberg (Hegi 1975, Hand & Thieme 2023), ehemals Regensburg und Isarauen bei München in Bayern (Koch 1833), Berlin (Seitz & al. 2012), 2006 Botanischer Garten Potsdam in Brandenburg (Buhr & Kummer 2009), Niedersachsen (Hand & Thieme 2023), 1982 am Südwestrand des Botanischen Gartens Bielefeld und ehemals Bonn in Nordrhein-Westfalen (Kulbrock & al. 2005), bei der Großmarkthalle Leipzig in Sachsen (Fiedler 1936, Hand & Thieme 2023), im 19. Jahrhundert in Bad Kösen in Sachsen-Anhalt (Pusch 1996, Hand & Thieme 2023) und von 1888 bis 1896 in einer Gärtnerei in Erfurt-Andreasflur in Thüringen (Zündorf & al. 2006). Die Art ist in der „Flora von Bayern“ (Meierott & al. 2024) nicht angegeben.
ÖSTERREICH: 
Angegeben ehemals für Unterwaltersdorf in Niederösterreich (Hegi 1975). Eine ehemalige Angabe für Nordtirol ist irrig (Pagitz & al. 2023). Laut aktueller Neophytenliste für Österreich (Glaser & al. 2025) wurde das Taxon fälschlicherweise für Österreich erfasst. In Südtirol ehemals bei Meran (Fischer & al. 2008).
SCHWEIZ: 
Früher bei Basel und Branson im Wallis (Thellung 1919, Brodtbeck & al. 1998).
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. 1896 auch in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und 1925 in Estland (Seebens & al. 2017).

 
Weitere Arten:

Orobanche cernua

Die Spanische Sommerwurz, Orobanche cernua, ist in großen Teilen Eurasiens und Afrikas beheimatet. 
Sie parasitiert vor allem auf Artemisia- und Helianthus-Arten und konnte im Gebiet ehemals mehrfach im Etschtal zwischen Glurns und Meran in Südtirol (FloraFaunaSüdtirol 2023) gefunden werden.
 

Orobanche variegata

Die Bunte Sommerwurz, Orobanche variegata, wird ehemals für Santa Maria di Cola im Tessin angegeben (Hegi 1975).
 
Die Art ist im westlichen und zentralen Mittelmeergebiet beheimatet. 

Quellen

Brodtbeck T., Zemp M., Frei M., Kienzle U. & D. Knecht (1998): Flora von Basel und Umgebung, vor 1950/60 nachgewiesene Adventivarten. Band 3. — Mitteilungen der Naturforschenden Gesellschaften beider Basel.

Buhr C. & Kummer V. (2009): Beitrag zur Flora des Potsdamer Stadtgebietes III – Verh. Bot. Ver. Berlin-Brandenburg 142: 133–183.

Düll R. & H. Kutzelnigg (2022): Die Wild- und Nutzpflanzen Deutschlands. 9. erw. Aufl. – Wiebelsheim. 948 S.

Fiedler O. (1936): Die Fremdpflanzen an der Mitteldeutschen Großmarkthalle zu Leipzig 1932–1936 und ihre Einschleppung durch Südfruchttransporte – Hercynia 1: 124–148.

Fischer M., Oswald K. & Adler W. (2008): Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol; 3., verb. Aufl. der „Exkursionsflora von Österreich“ (1994). – Linz: OÖ Landesmuseum; 1392 S.

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Hand R. & Thieme M. (2023): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hartl D. & Wagenitz G. (1975): in Hegi: Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band VI, (Teil 1). – Paul Parey, Berlin und Hamburg. 631 S.

Hegi G. (1975): Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band 6 (Teil 4). 3.Aufl. – Paul Parey, Berlin und Hamburg. 631 S.

Koch W.D.J. (1833): J. C. Röhlings Deutschland Flora, 4. Band, 725 Seiten, Frankfurt am Main.



Kulbrock P., Lienenbecker H. & G. Kulbrock (2005): Beiträge zu einer Neuauflage der Flora von Bielefeld-Gütersloh – Teil 6 - Ber. Naturwiss. Verein für Bielefeld u. Umgegend 45: 97-240.

Meierott L., Fleischmann A., Klotz J., Ruff M. & W. Lippert (2024): Flora von Bayern – Haupt Verlag, Bern, 4 Bände.

Pagitz K., O. Stöhr, M. Thalinger, I. Aster, M. Baldauf, C. Lechner-Pagitz, H. Niklfeld, L. Schratt-Ehrendorfer & P. Schönswetter (2023): Rote Liste und Checkliste der Farn- und Blütenpflanzen Nord- und Osttirols – Natur in Tirol, Band 16.

Pusch J. (1996): Die Sommerwurzarten des ehemaligen Kreises Artern. 86 Seiten. Eigenverlag.

Pyšek P., Danihelka J., Sádlo J., Chrtek J. jr., Chytrý M., Jarošík V., Kaplan Z., Krahulec F., Moravcová L., Pergl J., Štajerová K. & Tichý L. (2012): Catalogue of alien plants of the Czech Re­public (2nd edition): checklist update, taxonomic diversity and invasion patterns. – Preslia 84: 155–255.

Seebens H., Blackburn T. M., Dyer E. E., Genovesi P., Hulme P. E., Jeschke J. M., Pagad S., Pyšek P., Winter M., Arianoutsou M., Bacher S., Blasius B., Brundu G., Capinha C., Celesti-Grapow L., Dawson W., Dullinger S., Fuentes N., Jäger H., Kartesz J., Kenis M., Kreft H., Kühn I., Lenzner B., Liebhold A., Mosena A. (2017): No saturation in the accumulation of alien species worldwide. Nature Communications 8(2).

Seitz B., Ristow M., Prasse R., Machatzi B., Klemm G., Böcker R. & Sukopp H. (2012): Der Berliner Florenatlas – Verhandlungen des Bot. Vereins von Berlin und Brandenburg, Beiheft 7.

Thellung A. (1919): Beiträge zur Adventivflora der Schweiz (III) – Mitteilungen aus dem botanischen Museum der Universität Zürich.

Zündorf H.J., Günther K.F., Korsch H. & Westhus W. (2006): Flora von Thüringen. Weissdorn-Verlag, Jena: 764 S.