Orchis

Knabenkraut, Orchidee, Orchidaceae

Gattung:

Die Gattung Orchis im heutigen Sinn umfasst etwa 26 Arten, von denen 21 in Europa vorkommen. Es sind Knollengeophyten mit zwei eiförmigen Knollen, die unterschiedlichen Entwicklungszyklen angehören. In dem Gattungsnamen Orchis wurden lange Zeit verschiedene Orchideengattungen geführt, so bis etwa 1962 auch die Gattung Dactylorhiza. Über Jahrhunderte standen praktisch nur morphologische Kriterien zur Verfügung. Ende des 20. Jahrhunderts wurden erstmals nunmehr verfügbare genetische Untersuchungstechniken eingesetzt, die zeigten, dass die traditionelle Gattung Orchis in drei Gruppen zerfällt, die hinsichtlich aller knollentragenden Orchideen Europas relativ wenig miteinander verwandt sind, auch wenn sie sich im Aussehen ähneln. Wollte man sie in einer Gattung Orchis vereinigt lassen, wäre dies nur möglich, wenn auch die bisherigen Gattungen Serapias, Ophrys, Himantoglossum, Platanthera, Gymnadenia und Dactylorhiza in einer solchen hypothetischen Großgattung vereinigt würden. Nachdem dies nicht sinnvoll ist, blieb nur der Weg der Auftrennung. Bateman & al. (1997) vollzogen diesen, indem sie zwei Gruppen aus der „alten“ Gattung Orchis ausgliederten und diese Gruppen den jeweils nahe verwandten, bislang monotypischen Gattungen Anacamptis und Neotinea hinzufügten. Ein Kern der Gattung Orchis konnte so unter dem alten Gattungsnamen erhalten bleiben.
Es dauerte in Mitteleuropa eine Weile, bis diese angelsächsische Lösung akzeptiert wurde. Dass sie sehr wahrscheinlich richtig ist, zeigt sich auch im Hybridverhalten. Es sind nur Hybriden jeweils innerhalb der Gattungen Orchis, Neotinea und Anacamptis möglich, nicht aber untereinander.

 

Orchis italica

Italienisches Knabenkraut,
Orchis italica
Orchidee, Orchidaceae
 

Steckbrief:

Bis 30 cm hohe Staude mit 5−8 breit-lanzettlichen, 5−11 cm langen und 1,5−3 cm breiten, am Rand auffallend gewellten, gefleckten oder ungefleckten Blättern. Blütenstand dicht, 3,5−6,5 cm lang. Blüten dunkelrosa und weiß, Lippe tief dreiteilig, der Mittellappen nochmals tief zweigeteilt mit einem fadenförmigen Zahn in der Mitte. Sporn etwa 6 mm lang, etwa halb so lang wie der Fruchtknoten, abwärtsgerichtet. Blütezeit April bis Mai.
Verwechslungsmöglichkeit: Die gewellten Ränder der Grundblätter sind innerhalb der Gattung einzigartig und charakteristisch für die Art (siehe Bild unten).
 

Heimat:

Mediterrane Art von Nordmarokko und Portugal bis zum Libanon.
 

Nutzung:

Keine.
 
 

Ausbreitung:

Im Rahmen des Floreninventars Bern (FLIB) wird seit 2012 in diesem Kanton viel kartiert. Einer Kartiererin, Judith Schöbi, fiel im Sommer 2013 auf einem Bahnareal eine verblühte Orchidee auf, die 2014 dann bereits Ende April blühend als Orchis italica bestimmt werden konnte. Es wird angenommen, dass sie als blinder Passagier der NEAT (Neue Eisenbahn-Alpentransversale) nach Bern gelangt ist (Eggenberg 2015).
Am 2. Mai 2014 konnte Hanspeter Schlatter ein blühendes Exemplar des Italienischen Knabenkrauts einer nicht angesalbten Wildpflanze in der Schweiz bestätigen. Die Pflanze wuchs im Gleisbereich des Eisenbahnknotenpunktes Wankdorf bei Bern. Die nächstgelegenen Vorkommen des Italienischen Knabenkrauts liegen in der Region Reggio Emilia in Mittelitalien, etwa 370 Kilometer von Bern entfernt. In Norditalien und in ganz Frankreich fehlt die Art. Wie kommt diese Orchidee also nach Bern? Der Fundort liegt an einer stark frequentierten Bahnlinie, nämlich des TEN (Trans-European Network) Rom-Florenz-Bologna-Mailand-Simplon-Lötschberg-Bern-Basel. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Art als Samen von Italien mit einem Güterzug nach Bern verfrachtet wurde, betrachte ich als relativ groß (Wartmann 2020). Dass die Art im Bahnareal absichtlich angesalbt wurde, kann praktisch ausgeschlossen werden, weil der Zugang zum Fundort für Personen gesperrt ist. Damit könnten wir in diesem Fall von einer Neophyten-Orchidee sprechen (Wartmann 2020).
DEUTSCHLAND: ---
ÖSTERREICH: ---
SCHWEIZ:
Im Kanton Bern (siehe oben). Angaben aus den Kantonen Basel-Landschaft, Genf, Waadt und Zürich in Infoflora (2024) liegen vor, inwieweit es sich hierbei um subspontane Vorkommen handelt, ist mir nicht bekannt. Die Art wird in der „Flora von Zürich“ (Wohlgemuth & al. 2020) nicht genannt.

 
 

Quellen

Bateman R.M., A.M. Pridgeon & M.W. Chase (1997): Phylogenetics of subtribe Orchidinae (Orchidoideae, Orchidaceae) based in nuclear ITS sequences. 2. Infrageneric relationships and reclassification to achieve monophyly of Orchis sensu stricto. In: Lindleyana – The scientific journal of the American Orchid Society. West Palm Beach, S. 113–141.

Eggenberg S. (2015): neue Orchidee für die Schweiz - info flora plus 2015 k.pdf



Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

Wartmann B. (2020): Orchideen als Neophyten in der Schweiz – AGEO Einheimische Orchideen Schweiz 1: 9-13.

Wohlgemuth T., Del Fabbro C., Keel A., Kessler M. & M. Nobis (2020): Flora des Kantons Zürich. Zürcherische Botanische Gesellschaft. Haupt-Verlag, Bern.