Gattung:
Ophrys umfasst rund 320 Arten in Europa, Südwest-Asien und Nordafrika mit Mannigfaltigkeitszentrum im östlichen und zentralen Mittelmeerraum. Nach derzeitigem Kenntnisstand kommen etwa 270 Arten in Europa vor. Manche Taxonomen bzw. Institutionen akzeptieren weit weniger Arten, so etwa Kew (2024) mit 28 Arten.
Zwischen den Arten bestehen offenbar keine genetischen Schranken, Hybridisierung ist innerhalb der gesamten Gattung weit verbreitet und wird auf natürliche Weise nur durch die Spezifität der Bestäuber verhindert.
Die Arten der Gattung Ophrys sind schon lange als besonders fremdartig aussehend und damit als faszinierend bekannt. Viele Blüten zeigen durch Behaarung und glänzende Bereiche eine gewisse Ähnlichkeit zu Insekten, einige alte deutsche Namen belegen dies. Welche biologische Bedeutung hinter diesen Blütenformen steckt, war lange Zeit gänzlich unbekannt. Der Franzose Pouyanne erkannte als Erster, welches Geheimnis hinter den Blüten der Gattung Ophrys steckt. Er beobachtete, dass als einzige Besucher der Blüten der Spiegel-Ragwurz Ophrys speculum die Dolchwespen Dasyscolia ciliata auftraten. Da es sich bei den Besuchern ausschließlich um Männchen handelte, die auf der Blüte ganz offensichtlich Paarungsversuche ausführten und nicht etwa nach Nahrung suchten, schloss er daraus folgerichtig, dass diese Männchen die Ophrys-Blüte für ihr Weibchen halten. Auch wenn ihm dies zunächst niemand glaubte, so hatte Pouyanne ein neues Bestäubungsprinzip entdeckt, die „Pseudokopulation“. Kullenberg hat schließlich in umfangreichen Studien das Phänomen im Prinzip geklärt und bekannt gemacht. In weiterer Folge waren es vor allem Paulus und einige andere Wissenschaftler, die dieses Bestäubungsprinzip (ansatzweise) erforschten. Alle Ophrys-Arten erlangen Bestäubungen über diesen Mechanismus der Sexualtäuschung, nur zwei Arten weichen nach derzeitigem Kenntnisstand davon ab: O. apifera wird durch Selbstbestäubung befruchtet und O. helenae betreibt Schlafplatzmimikry für die Männchen von Langhornbienen.
Aufgrund ausgeklügelter Bestäubungsmechanismen kann Ophrys auf eine Nektarproduktion verzichten. Sie produzieren den Sexuallockstoff eines bestimmten Bienen-, Wespen- oder Käferweibchens im optimalen Fall genau dann, wenn die Männchen dieser Art schon geschlüpft sind, die Weibchen aber noch nicht. Diese Männchen finden nun Blütenlippen vor, die in Duft, Form, Farbe und Behaarung den Weibchen ähneln und versuchen nun, diese zu begatten. Dabei bekommen sie die Pollinien aufgeklebt, mit denen sie die nächste besuchte Blüte bestäuben. Die Lippe dient als Anziehungs- und Landeplatz für die Bestäuber. Nach der Entnahme senken sich die am Kopf bzw. am Abdomen der Bestäuber festgeklebten Pollinien um etwa 90° langsam nach unten, wodurch sie in die passende Lage kommen, um auf die tiefer liegende Narbe einer anderen Blüte übertragen werden zu können. Durch die Behaarung der Blütenlippe werden die Insekten in die richtige Position geleitet.
Die Ragwurz-Arten bilden bereits im Herbst eine flache Blattrosette aus, mit der sie auch im Winter assimilieren können. Der Blütenstand entwickelt sich ebenfalls aus der älteren Mutterknolle, die nach der Fruchtreife abstirbt. Die Pflanzen überdauern mit Hilfe einer neu aus der Achsel eines Niederblattes entstandenen Tochterknolle, die nach der Überwinterung den Vegetationsrhythmus fortsetzt (Griebl & Presser 2021).