Lycium

Bocksdorn, Nachtschattengewächs, Solanaceae

Gattung:

Lycium umfasst etwa 101 Arten (Kew 2023) in Amerika, Afrika, Asien, Australien und Südeuropa mit Verbreitungsschwerpunkt in Amerika.
 

Lycium barbarum 

Gewöhnlicher Bocksdorn,
Lycium barbarum  
Nachtschattengewächs, Solanaceae

 

Steckbrief:

Bis 3 m hoher Strauch mit bogig überhängenden, unten dornigen Ästen und lanzettlichen, ganzrandigen Blättern, die mehr als 3 × so lang wie breit sind und in der Mitte am breitesten sind. Blüten gestielt, lila. Kronröhre am Grund 2,5–3 mm im Ø. Früchte leuchtend rote, längliche Beeren. Blütezeit Juni bis September.
Verwechslungsmöglichkeit: Beim sehr ähnlichen China-Bocksdorn, Lycium chinense, sind die Blätter eilanzettlich, höchstens 3× so lang wie breit und unterhalb der Mitte am breitesten. Die Kronröhre misst am Grund etwa 1,5 mm im Ø.
 

Name:

Bocksdorn, eigentlich Buchsdorn, ist die Übersetzung von „pyxacantha“, eines buchsblättrigen Dornstrauches bei Dioskurides.
Lange Zeit war Lycium barbarum im Landschaftsbau als billige Pflanze, die auch noch an Standorten wächst, wo sonst kaum mehr was gedeiht, gängig. Mit dem Wissen um die Gesundheit seiner Früchte änderten sich auch Name und Preis der Pflanze. Gojibeere, Gou-Gi-Zi oder Chinesische Wolfsbeere wurde die Pflanze benannt, weil dem Namen Bocksdorn noch die wuchernde Giftpflanze anhaftete. Entstanden ist dieser Umstand durch eine alte, fehlerhafte wissenschaftliche Arbeit von 1890, nach der die Frucht Hyoscyamin, wie sie bei Nachtschattengewächsen nicht selten sind, enthalte. Die bereits 1891 erfolgte Widerlegung dieser Behauptung wurde scheinbar nicht mehr zur Kenntnis genommen und sogar in der 5. Auflage des anerkannten Giftpflanzen-Lexikons von Roth & al. (2008) wird die angeblich Kamele-tötende Eigenschaft der Art übernommen. Alle neuen Untersuchungen mit modernsten Methoden widerlegen aber diese Behauptung. Es sind tatsächlich auch keine Vergiftungsfälle bekannt.

 

Nutzung:

Als Obstgehölz, Arzneipflanze und zur Bodenbefestigung. Die Art ist trockenheitsvertragend, stadtklimafest, salztolerant, hitzeverträglich, windfest, unempfindlich gegenüber mechanischen Einwirkungen und hat ein hohes Ausschlagsvermögen (Bruns 2009). Bocksdorn wird oft im Mittelstreifen von Autobahnen und als Bodenfestiger an neuen Straßenböschungen gepflanzt (Sebald & al. 1996).
Der Goji-Beere wird ein besonders hoher Anteil vitaler Inhaltsstoffe zugeschrieben, weshalb sie als Superfood in die Vermarktung kam und vermehrt getrocknete Beeren importiert wurden. Diese importierte Ware zeichnete sich aber vielfach durch Rückstände an Insektiziden aus. Seit 2013 werden auch Früchte aus europäischem Kulturanbau angeboten.
In Nordchina wird die Art zur Erosionskontrolle und zur Rückgewinnung von Wüstenland großflächig kultiviert (Yunyun 2008). Die jungen Blätter werden in China als Blattgemüse gegessen, im Mittelmeerraum nutzt man die jungen Sprosse wie Spargel (Düll & Kutzelnigg 2022).

 

Ausbreitung:

Wahrscheinlich nordchinesische Art, in Europa seit spätestens dem Jahr 1696 in Kultur (Goeze 1916). 1769 in Brandenburg und 1788 in den Herrenhäuser Gärten in Hannover gezogen. Gegenwärtig im Gebiet weit verbreitet und lokal eingebürgert. Vermehrt sich vor allem vegetativ über Wurzelsprosse.
 
DEUTSCHLAND:
Erste Verwilderungen sind aus dem Jahr 1824 aus Jena in Thüringen bekannt (Graumüller 1824), 1841 von Mecklenburg-Vorpommern (Fukarek & Henker, 2005), 1844 von der Steinklebe bei Wendelstein in Sachsen-Anhalt (Korina 2021) und 1872 von den Ostfriesischen Inseln (Van Dieken 1970). In Deutschland gegenwärtig großräumig verbreitet, häufig besonders im Osten und im Rheintal (BfN 2015). Der Erstnachweis für Bayern erfolgte vor 1892 in Neuwittelsbach (Meierott & al. 2024).
ÖSTERREICH:
In allen Bundesländern (Glaser & al. 2025), im pannonischen Gebiet Österreichs häufig bis zerstreut und vielerorts eingebürgert, sonst selten. Auch in Osttirol (Brandes 2015). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1859 (Glaser & al. 2025).
SCHWEIZ:
Vereinzelt (Infoflora 2024), auch in Liechtenstein, so auf dem Rheindamm bei Balzers (Waldburger & al. 2003).

 
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. seit 1857 auch in Belgien (Verloove 2021), in Norwegen (Gederaas & al. 2012), den Niederlanden (FLORON 2021), seit 1870 in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und seit 1830 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).

 
Weitere Arten:

Lycium chinense

Auch der ostasiatische China-Bocksdorn, Lycium chinense (= L. barbarum?) findet sich selten in Kultur. Der Status der Sippe ist umstritten. Sie wird von mehreren neueren Florenwerken komplett in L. barbarum eingeschlossen, da es kontinuierliche Übergänge gäbe. Auch die mitteleuropäischen Populationen sind oft nur schwierig zuzuordnen (Hassler & Muer 2022).
 
Im Gebiet selten subspontan, so etwa in Philippsburg und Mannheim in Baden-Württemberg (Hassler 2021), Bamberg, Haßfurt und Schweinfurt in Bayern (Meierott 2008), mehrfach in Berlin (Seitz & al. 2012), Glöwen in Brandenburg (Fischer 2017), Darmstadt und Gelnhausen in Hessen (Gregor & al. 2012), Rostock in Mecklenburg-Vorpommern (Fukarek & Henker 2005), Braunschweiger Hafen in Niedersachsen (Brandes 2002), Lülsdorf, Wolsberg und Köln in Nordrhein-Westfalen (Gorissen 2015, Sumser & al. 2015), am Feuerwehrgelände Trier in Rheinland-Pfalz (Hand & al. 2016), Leipzig, Wölpern, Kalkreuth und Dresden in Sachsen (Gutte 2006, Hardtke & al. 2013), Döllnitz, Merseburg und Göhlitzsch in Sachsen-Anhalt (John & Stolle 2006), auf Helgoland in Schleswig-Holstein (Theisinger & Hebbel 2022) und Thüringen (Zündorf & al. 2006). Der Erstnachweis für Bayern erfolgte 1907 beim Giesinger Bahnhof nahe München (Meierott & al. 2024). In Österreich in Kärnten (Fischer & al. 2008) und mehrfach in Graz in der Steiermark (Hamburger 1948, Leonhartsberger 2010). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1914 (Glaser & al. 2025). Ein Vorkommen in Kärnten wird in Glaser & al. (2025) als fraglich geführt. Eine ehemalige Angabe für Nordtirol ist irrig (Pagitz & al. 2023). In Südtirol in Meran (Naturmuseum Südtirol 2018). In der Schweiz in den Kantonen Basel-Stadt, Graubünden und Waadt (Infoflora 2024). Wenige Funde auch im Kanton Zürich ab 1917, so ehemals beim Alten Schulhaus Riesbach und 1997 zwischen Dietlikon und Wallisellen (Landolt 2001, Wohlgemuth & al. 2020)
Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), Norwegen (Gederaas & al. 2012), den Niederlanden (FLORON 2021), in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und seit 2005 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).
 

Lycium europaeum

Im Mittelmeergebiet ist der Europäische Bocksdorn, Lycium europaeum, beheimatet. Er wird subspontan für Bayern und Rheinland-Pfalz angegeben (Hassler & Muer 2022). Der bayrische Fund (Vollmann 1914) ist wohl irrtümlich und geht vermutlich auf Emmert & Segnitz (1852) zurück, wobei im zugehörigen Herbar nur L. barbarum vorliegt (Meierott & al. 2024). Auch in der deutschen Florenliste (Hand & Thieme 2023) als irrig für Bayern angegeben.
 

 

Lycium ruthenicum

Der zentralasiatische Ruthenische Bocksdorn, Lycium ruthenicum, ist eine salztolerante Art der Halbwüsten. 
Er wird im Gebiet für Sachsen-Anhalt lokal mit Einbürgerungstendenzen angegeben (Hand & Thieme 2023).
 

Quellen

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