Himantoglossum

Mastknabenkraut, Orchidee, Orchidaceae

Gattung:

Himantoglossum umfasst, inklusive Barlia, exklusive Comperia, etwa 8 Arten (Kew 2023) mit Verbreitungsschwerpunkt im Mittelmeergebiet.
 
 

Himantoglossum robertianum

Robert-Mastknabenkraut,
Himantoglossum robertianum
(Syn.: Barlia robertiana)  
Orchidee, Orchidaceae

 

Steckbrief:

Bis 70 cm hohe, kräftige Staude mit am Grund rosettig gehäuften, länglich-eiförmigen, 8−30 cm langen, 4−10 cm breiten, etwas fleischigen, glänzenden Blättern und 6−25 cm langen, dicht- und vielblütigen Blütenständen mit 20−65 großen, grünlichweißen bis altrosa Blüten. Perigonblätter grün, innen purpurn punktiert. Sepalen eiförmig, 10−16 mm lang, 5−10 mm breit, Petalen lanzettlich, kürzer als die Sepalen. Lippe 13−22 mm lang, mit gespaltenem Mittellappen, Seitenlappen am Rand wellig. Sporn 4−7 mm lang, konisch, abwärtsgerichtet. Blütezeit März bis April.
 

Name:

Das Synonym für den botanischen Gattungsnamen ehrt den französischen Botaniker Jean-Baptiste Barla (1817−1896), ein Mitbegründer des Naturgeschichtemuseums in Nizza. Die Art ist zu Ehren des französischen Botanikers, Gärtners und Apothekers Gaspard Nicolas Robert (1776−1857) benannt, nach dem auch Brassica robertiana, Dryopteris robertiana, Robertiella robertiana und weitere Pflanzenarten ihren Namen haben.
 

Heimat:

Mittelmeergebiet von Nordmarokko bis Anatolien und Zypern.
 

Nutzung:

Keine. Sehr selten als Zierstaude für Liebhaber. 
 

Ausbreitung:

Die kräftige und nicht zu übersehende Orchideenart ist im Mittelmeerraum weit verbreitet, im Westen von Marokko und Portugal über Spanien, Südfrankreich, Italien, Bosnien-Herzegowina, Griechenland bis zur Südtürkei und bis Zypern. In Südfrankreich hat sich die Art wohl infolge milderer Winter in den letzten 10–15 Jahren so stark ausgebreitet, dass sie von der Liste der geschützten Arten gestrichen wurde. Bonardi & Scappaticci (2012) sprechen von einer Expansion nach Norden im Rhonetal und zeigen auf der Verbreitungskarte Vorkommen bis in die Gegend von Lyon. Seither muss die Art weiter nach Norden vorgestoßen sein, zeigt doch die Flora Jurana (florajurana.net) ein Vorkommen im äußersten südwestlichen Zipfel des Jurabogens bei Virieu-le-Grand, weniger als 50 km von der Schweizer Grenze entfernt. Am 25. März 2007 entdeckte Michel Vauthey in der Gemeinde Bernex, Kanton Genf, das erste Mastknabenkraut für die Schweiz. Zwei Jahre später, am 9. April 2009 fand er in einer Grünfläche des CERN in Meyrin ein weiteres blühendes Exemplar (Wartmann 2020). Nun konnte die Art nicht nur im Kanton Genf, sondern auch in der Waadt am Genfersee, von Daniel Bitterli in der Orbe-Ebene und sogar am Bielersee entdeckt werden. Die Anzahl der Fundorte hat sich auf 13 erhöht, die Anzahl blühender Exemplare lag 2019 bei 20 Individuen. Auch beim Mastknabenkraut ist eine «Verkehrsunterstützung» der Samenverbreitung wahrscheinlich, liegen diverse Fundorte doch an oder nahe bei Verkehrsachsen: Die Fundorte von Bardonnex liegen an der Böschung der Autoroute E25/A41 oder in einem Abstand von weniger als 1 km zu ihr bzw. weniger als 2 km zur riesigen Autobahnkreuzung A40/A41 von St-Julien-en-Genevois. Die Fundorte von Perly-Certoux und Plan-les-Ouates liegen in einer Entfernung von 100 bis 400 Metern von der Hauptverkehrsachse A41. Die Fundorte von Lancy andererseits liegen unweit der Eisenbahn-Gütertransferachse Lyon-Genf in Abständen von weniger als 200 Metern. Auch der Fundort im Lavaux liegt an der Eisenbahnböschung der Simplonlinie.
Insgesamt ergibt sich die begründete Vermutung, dass sich Himantoglossum robertianum in der Schweiz primär entlang von Verkehrsachsen mit Unterstützung durch menschliche Aktivitäten ausgebreitet hat. Man darf gespannt sein, wann die Art bzw. ihre Samen den Weg weiter nach Osten finden werden (Wartmann 2020).
Vögtlin (2008) berichtete über den ersten Fund von Himantoglossum robertianum in Deutschland. Im Naturschutzgebiet Isteiner Klotz zwischen den Dörfern Istein und Kleinkem im Landkreis Lörrach (Baden-Württemberg) wurde 2007 ein blühendes Exemplar gefunden. 2008 konnte nochmals ein dreiblättriger Austrieb bestätigt werden. Danach konnte das Exemplar an diesem Standort nicht mehr gefunden werden. Das Vorkommen gilt somit als erloschen. Im Jahr 2020 berichteten Achstetter & Bergfeld (2020) über einen Fund von zwei Exemplaren im nördlichen Breisgau. Diese Pflanzen blühten auch im Jahr 2022 nochmals (Hessel 2022). Über den Einwanderungsweg und die Ausbreitung kann nur spekuliert werden. Bergehalden im Ruhrgebiet wurden in den letzten Jahren aufwändig rekultiviert und zu Freizeit-, Sport- und Erholungsanlagen umgestaltet. Nach der Aufbringung von großen Mengen an Oberboden wurden in hoher Anzahl nicht nur heimische Gehölze, sondern auch z.B. mediterrane Gehölze und Stauden angepflanzt. Dabei könnten die Samen der Orchidee einschließlich ihres Mykorrhizapilzes im Kultursubstrat von Pflanzcontainern eingeschleppt worden sein. Oft kommen mediterrane Stauden und Gehölze aus Gärtnereien und Baumschulen Südfrankreichs oder Italien. Eine weitere Theorie ist, dass die staubfeinen Samen durch Windtransport über große Distanzen bis nach Deutschland gelangt sind. Sie könnten dann sogar aus so weiten Regionen wie Nordafrika stammen, wie z.B. der Transport von Saharasanden nach Deutschland deutlich macht. Auch kann man Saatgut von Orchideen im (Internet-) Handel bestellen, auch das von Himantoglossum robertianum. So könnte Samen durch Wind aus einem Privatgarten auf die Halde gelangt sein (Hessel 2022).

 
DEUTSCHLAND:
Am Isteiner Klotz im Oberrheingebiet in Baden-Württemberg (Vögtlin 2008, Hassler & Muer 2022) und 2022 bis zumindest 2024 im Kreis Unna in Nordrhein-Westfalen (Hessel 2022, Hessel 2024). Eine natürliche Arealerweiterung ist möglich, dann wäre die Art nicht als Neophyt oder Adventive zu bezeichnen.
ÖSTERREICH: ---
In Südtirol erstmals 2024 im Altenburger Wald zwischen St. Anton und Altenburg bei Kaltern in der Mendelgruppe festgestellt (Wilhalm & al. 2024).
SCHWEIZ:
In den Kantonen Bern, Genf, Waadt, Neuenburg und Zürich (Infoflora 2024). Möglicherweise aber auch natürliche Arealsausweitung, vor allem die Funde um den Genfer See sprechen dafür. Dann wäre die Art nicht als Neophyt oder Adventive zu bezeichnen.
ANDERE LÄNDER:
Im April 2014 in zwei Exemplaren im belgischen Wallonien gefunden (Zuyderduyn & al. 2020, Verloove 2021). Kreutz & Zuyderduyn (2021) berichteten über die ersten Funde von Himantoglossum robertianum in den Niederlanden. Im März 2020 konnte H. robertianum in den Dünen bei Noordwijk im Süden Hollands gefunden werden.

 

Quellen

Achstetter M. & Bergfeld D. (2020): Funde von Himantoglossum robertianum in Südbaden. – J. Eur. Orch. 52: 414–426.

Bonardi, D. & G. Scappatici (2012): À la rencontre des orchidées sauvages de Rhône-Alpes. Mèze : Biotope.

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände.

Hessel W. (2022): Erstfund von Roberts Mastorchis (Himantoglossum robertianum [LOISEL.] P. DELFORGE) in Nordrhein-Westfalen - Veröff. Bochumer Bot. Ver. 14(3) 27–31.

Hessel W. (2024): Nachtrag zum Erstfund einer Roberts Mastorchis (Himantoglossum robertianum) in Nordrhein-Westfalen - Veröff. Bochumer Bot. Ver. 16(1) 1–12.

Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

Kew (2023): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science



Kreutz K. & J. C. Zuyderduyn (2021): Hyacintorchis (Himantoglossum robertianum), een nieuwe orchideeënsoort voor Nederland. – Gorteria 43(1): 70–88.

Presser H. (2000): Die Orchideen Mitteleuropas und der Alpen, 2. Aufl. – Landsberg (Lech).

Verloove F. (2021): Manual of the Alien Plants of Belgium –  http://alienplantsbelgium.be

Vögtlin J. (2008): Himantoglossum robertianum (Loisel.) Delforge am Isteiner Klotz. – Ber. Bot. Arbeitsgem. Südwestdeutschland 5: 128 – 130.

Wartmann B. (2020): Orchideen als Neophyten in der Schweiz – AGEO Einheimische Orchideen Schweiz 1: 9-13.

Wilhalm T., E. Spögler, F. Zemmer, E. Sölva, S. Stifter, F. Faltner, M. Larcher, G. Leitner, W. Tratter, J. Winkler, R. Lorenz, G. Aichner, R. Bachmann†, M. Ebert, M. Fink, G. Frener, L. Gibitz, A. Hilpold, B. Holzer, T. Kiebacher, A. Lanthaler, W. Mair, P. Mair, M. Merli, E. Obrist, A. Rinner & H. Wirth: Ergänzungen und Korrekturen zum Katalog der Gefäßpflanzen Südtirols (12) – Gredleriana 24: 15-45

Zuyderduyn J. C., Kreutz K., Dekker H. & Van der Hart M. (2020): Hyacintorchis ontdekt in Nationaal Park Hollandse Duinen. – https://www.naturetoday.com/intl/nl/nature-reports/message/?msg=26125