Heuchera

Purpurglöckchen, Steinbrechgewächs, Saxifragaceae

Gattung:

Heuchera umfasst etwa 44 nordamerikanische Arten (Kew 2023) mit Mannigfaltigkeitszentrum in Kalifornien.
 

Heuchera sanguinea

Blut-Purpurglöckchen,
Heuchera sanguinea s.lat.
Steinbrechgewächs, Saxifragaceae
 

Steckbrief:

Bis 40 cm hohe Staude mit langen, fast blattlosen, drüsigen Stängeln und nierenförmigen bis rundlichen, leicht gelappten Grundblättern. Blattrand gezähnt, Blätter drüsig behaart. Blütenstand traubig, mit 10–70 glockigen Blüten. Kronblätter 1,2–1,8 mm lang, kürzer als die 2–3 mm langen, rosa Kelchblätter. Blütezeit Mai bis Juni.
 

Name:

Die Gattung ist zu Ehren des deutschen Arztes und Botanikers Johann Heinrich von Heucher (1677−1747) benannt. Heucher war Professor der Medizin an der Universität in Wittenberg, gründete und leitete den dortigen Botanischen Garten, war ab 1713 Leibarzt des sächsischen Kurfürsten Friedrich August I., zuständig für alle Sammlungen, Naturalien- und Kunstkammern in Dresden, die auf seine Fürsprache beim König 1728 in den Zwinger gebracht wurden, das damals modernste Gebäude der Stadt (Burkhardt 2018).
 

Heimat:

Nordmexiko und südliche USA.
 

Nutzung:

Als Zierstaude seit spätestens 1882 bekannt. Züchterisch vielfach bearbeitet, in mehreren Sorten wie `Leuchtkäfer´ oder `Splendens´. Gärtnerisch am häufigsten verwendet werden Hybriden aus Heuchera sanguinea × H.  americana × H. micrantha (= Heuchera ×brizoides). Begonnen hat die Heuchera-Zucht mit dem Auffinden eines Zufallssämlings von H. micrantha `Palace Purple´ mit braunrotem Laub in Kew Gardens. Der Durchbruch gelang mit Heuchera `Montrose Ruby´, einem Zufallssämling von H. micrantha `Palace Purple´ × H. americana `Dale’s Strain´. Züchter wie Dan Heims oder Charles und Martha Oliver haben inzwischen Heuchera-Hybriden in den Handel gebracht, die neben schönen, mehrfarbigen Blättern auch ansehnliche Blüten besitzen. Die verschiedenen Blütenfarben und größeren Blüten stammen aus der Einkreuzung von Heuchera sanguinea. Hybriden mit der nahe verwandten Gattung Tiarella mit dem Namen ×Heucherella werden vor allem als Blattschmuckpflanzen geschätzt. ×Heucherella ist wild in der Natur nicht zu finden. Die Gattungshybride ist steril und nur vegetativ vermehrbar. Die erste Heucherella, ×Heucherella tiarelloides, wurde in Frankreich 1912 von Emile Lemoine gezüchtet, in dem er Heuchera ×brizoides mit Tiarella cordifolia kreuzte. 1950 entstand durch Percy Piper ×Heucherella `Bridget Bloom´. Den Rat von Alan Bloom folgend, hatte Piper Heuchera `Freedom´ mit Tiarella wherryi gekreuzt. 1983 erschien die dritte Heucherella: `Rosalie´, womit sich ×Heucherella endgültig als Blattschmuckstaude durchsetzte.
Hier wird H. sanguinea inkl. H. ×brizoides behandelt, da die beiden Sippen oft nicht eindeutig trennbar sind.

 

Ausbreitung:

Im Gebiet ganz vereinzelt subspontan.
DEUTSCHLAND:
1981 im Erlanger Stadtforst, 1997 bei Rheinfeldshof, 2008 in Trebgast und 2016 in einem Waldsaum bei Erlenbach am Main in Bayern (Asmus 1981, Breitfeld & al. 2017, Meierott & al. 2024), Hessen (Hand & Thieme 2023), Braunschweig in Niedersachsen (Brandes 2016), Kamen und Bonn-Godesberg in Nordrhein-Westfalen (Loos 1997, Gorissen 2015), Kirchberg bei Zwickau, Schilbach, Adorf und Quittenbachtal in Sachsen (Kramer 1921, Breitfeld 2021).
ÖSTERREICH:
Ehemals in Kärnten (Hartl & al. 1992, Glaser & al. 2025). Eine ehemalige Angabe für Nordtirol ist irrig (Pagitz & al. 2023).
SCHWEIZ: ---
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. 1955 auch in Belgien (Seebens & al. 2017, Verloove 2021), in Norwegen (Gederaas & al. 2012, Seebens & al. 2017), seit 1992 in Schweden (Seebens & al. 2017) und seit 1967 in Großbritannien (Seebens & al. 2017).
 

 
Weitere Art:

Heuchera micrantha

Im Westen Nordamerikas ist das Kleinblütige Purpurglöckchen, Heuchera micrantha, beheimatet. Es findet sich seit spätestens 1827 in gärtnerischer Kultur (Jäger & al. 2008) und wird häufig und in vielen Sorten als Blattschmuckstaude kultiviert. 
Im Pflanzenhandel in hunderten Sorten von alphabetisch `Absi´ bis `Zipper´, wobei es sich oft auch um Hybriden mit anderen Arten handelt. Heuchera avancierte in den letzten Jahren und Jahrzehnten zur Modepflanze in der heimischen Gartengestaltung. 
Sehr selten subspontan auftretend, so 2012 auf Mauern des alten Jüdischen Friedhofs Frankfurt am Main in Hessen (Gregor 2013) und am Friedhof Neukirchen an der Vöckla und 2020 im Auwald an der Antiesen in Jenseits, Gemeinde St. Martin im Innkreis in Oberösterreich (Hohla & al. 2019, Hohla 2022). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 2019 (Glaser & al. 2025). Subspontan auch in Belgien (Verloove 2021) und den Niederlanden (FLORON 2021).
 

Quellen

Asmus U. (1981): Der Einfluß von Nutzungsänderung und Ziergärten auf die Florenzusammensetzung stadtnaher Forste in Erlangen. – Ber. Bayer. Bot. Ges. 52: 117 – 121.

Brandes D. (2016): Über einige Neufunde von Neophyten in Braunschweig und Umgebung – Florist. Rundbriefe 50: 37–59.

Hartl H., Kniely G., Leute G.H., Niklfeld H. & M. Perko (1992): Verbreitungsatlas der Farn- und Blütenpflanzen Kärntens. — Klagenfurt, 451 S.

Breitfeld M. (2021): Flora der Westabdachung des Erzgebirges – Die Pflanzenwelt zwischen Adorf, Markneukirchen, Schöneck und Klingenthal. 294 S.

Breitfeld M., Hertel E., Horbach H.-D. & W. Wurzel (2017): Flora von Bad Berneck und Umgebung, die Pflanzenwelt zwischen Ochsenkopf und Maintal – 501 S.

Burkhardt L. (2018): Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen Teil 1 - https://www.bgbm.org/sites/default/files/
verzeichnis_eponymischer_pflanzennamen
_2018_teil_1.pdf

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Gederaas L., Loennechen Moen T., Skjelseth S. & Larsen L.-K. (2012): Alien species in Norway, with the Norwegian Black List - http://www.scales-project.net/NPDOCS/
AlienSpeciesNorway_2012_scr_9C0ee.pdf

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Gorissen I. (2015): Flora der Region Bonn (Stadt Bonn und Rhein-Sieg-Kreis) – Decheniana-Beiheft 40. Bonn, 605 Seiten.

Gregor T. (2013): Fundmeldungen. Neufunde-Bestätigungen-Verluste – Botanik und Naturschutz Hessen 26: 206-213.

Hand R. & Thieme M. (2023): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm



Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände.

Hohla M. (2022): Flora des Innviertels – Stapfia 115, 720 S., unter besonderer Mitwirkung von F. Grims†, R. Krisai†, P.A.Kraml, S. Kellerer, G. Kleesadl, G. Pflugbeil, P. Pilsl, J. Samhaber, C. Schröck, J.A. Stemper, O. Stöhr & W. Zahlheimer.

Hohla M., Kellerer S. & Király G. (2019): Carex morrowii, Heuchera micrantha, Oxalis tetraphylla, Persicaria weyrichii und Phlomis russeliana neu für Österreich sowie weitere Beiträge zur Adventivflora – Stapfia 111: 97-110.

Jäger E. J., Ebel F., Hanelt P. & Müller G. K. (2008): In: Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, Band 5, Krautige Zier- und Nutzpflanzen. Spektrum, 874 S.

Kew (2023): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Kramer P. (1921): Virtual Herbaria JACQ – Heuchera sanguninea – https://herbarium.univie.ac.at

Loos G. H. (1997): Neophytische Kulturflüchtlinge im Stadtzentrum von Kamen/Westfalen – Decheniana 150: 5-26.

Meierott L., Fleischmann A., Klotz J., Ruff M. & W. Lippert (2024): Flora von Bayern – Haupt Verlag, Bern, 4 Bände.

Pagitz K., O. Stöhr, M. Thalinger, I. Aster, M. Baldauf, C. Lechner-Pagitz, H. Niklfeld, L. Schratt-Ehrendorfer & P. Schönswetter (2023): Rote Liste und Checkliste der Farn- und Blütenpflanzen Nord- und Osttirols – Natur in Tirol, Band 16.

Seebens H., Blackburn T. M., Dyer E. E., Genovesi P., Hulme P. E., Jeschke J. M., Pagad S., Pyšek P., Winter M., Arianoutsou M., Bacher S., Blasius B., Brundu G., Capinha C., Celesti-Grapow L., Dawson W., Dullinger S., Fuentes N., Jäger H., Kartesz J., Kenis M., Kreft H., Kühn I., Lenzner B., Liebhold A., Mosena A. (2017): No saturation in the accumulation of alien species worldwide. Nature Communications 8(2).

Verloove F. (2021): Manual of the Alien Plants of Belgium –  http://alienplantsbelgium.be