Matricaria

Kamille, Korbblütler, Asteraceae

Gattung:

Matricaria umfasst etwa 6 Arten, die in Eurasien, Nordamerika und Nordafrika beheimatet sind (Kew 2024).
 

Matricaria discoidea 

Strahlenlose Kamille,
Matricaria discoidea 
Korbblütler, Asteraceae

 

Steckbrief:

3–35 cm hohe Einjährige mit intensivem Kamillengeruch. Blätter 2–3-fach gefiedert mit linealischen, stachelspitzigen Blattzipfeln. Blütenkörbchen 5–10 mm lang gestielt, 5–10 mm im Ø, kegelförmig, hohl. Röhrenblüten gelblichgrün, Zungenblüten fehlen, Hüllblätter mit weißlichem Rand. Blütezeit Juni bis Oktober.
Verwechslungsmöglichkeit: Matricaria aurea hat kleinere Körbchen, die 10–30 mm lang gestielt sind, gelbliche Röhrenblüten und Hüllblätter mit bräunlichem Rand. 

 

Nutzung:

Keine. Die Pflanze riecht wie die Echte Kamille, M. chamomilla, kann aber aufgrund ihrer anders zusammengesetzten ätherischen Öle nicht wie diese verwendet werden. Manche Spielformen von M. discoidea duften nach Apfel. 
 

Ausbreitung:

Asiatisch-nordamerikanische Art. Die genaue Herkunft ist aufgrund der starken Verschleppung kaum mehr feststellbar (Meusel & Jäger 1991). Seit Mitte des 19. Jahrhundert in Botanischen Gärten Europas gezogen, so in Berlin und Königsberg. 1852 im Gebiet erstmals von Alexander Braun als Gartenflüchter aus dem Botanischen Garten Berlin festgestellt, 1859 von Robert Caspary in Königsberg subspontan gefunden und aus Dresden ist sie seit etwa 1870 bekannt (Hardtke & al. 2013). Der Erstnachweis für Bayern erfolgte 1879 in München (Meierott & al. 2024). Lutz (1910) schreibt: „Sie kommt hier besonders auf der Mühlau [Mannheim] seit 1888 in so grosser Anzahl vor, dass sie sogar den Bahn- und Hafenarbeitern aufgefallen ist, die sie zu gleichen Zwecken verwenden wie Matricaria chamomilla. Wie es scheint, schreitet ihre Verbreitung in Deutschland sehr rasch fort. Ich fand sie 1906 am Bahnhof in Eppstein (Taunus), 1907 bei Bad Dürkheim (Pfalz), hier in fast zahlloser Menge, dann 1908 an der Haltestelle Mühlhausen.“ Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1855 (Glaser & al. 2025). 1889 im Wiener Prater gefunden, in Oberösterreich seit etwa dem Jahr 1900 (Grims 2008). Im Kanton Zürich erstmals 1874 in Kreuzlingen gefunden (Wohlgemuth & al. 2020). In der südlichen und westlichen Schweiz seit den 1930er-Jahren nachgewiesen (Wagenitz 1987).
 
Es handelt sich um eine typische Trittpflanze. Die Früchte verschleimen bei Nässe, bleiben dann an Schuhen, Reifen, Tierbeinen usw. kleben und können so über weite Strecken verschleppt werden.
Mittels der Eisenbahnlinien dehnte sich das Verbreitungsgebiet schnell aus. Schon nach etwa 50 Jahren war die Art in Deutschland weit verbreitet und die Dichte der Vorkommen nahm weiterhin zu. Gegenwärtig im Gebiet häufig und in allen Regionen, in den Alpen steigt sie mittlerweile bis in die alpine Stufe.

 
DEUTSCHLAND, ÖSTERREICH, SCHWEIZ: Häufig und fast flächendeckend im gesamten Gebiet etabliert. Subspontan u.a. auch in den Niederlanden (FLORON 2021), seit spätestens 1893 in Belgien (Verloove 2021), in Italien (Galasso & al. 2024), seit 1853 in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).
 
Weitere Art:

Matricaria aurea

Im Aussehen sehr ähnlich dem M. discoidea ist die Gelbe Kamille, Matricaria aurea. Sie ist im südlichen Mittelmeergebiet, östlich bis Indien reichend, beheimatet und findet sich gelegentlich verschleppt in Frankreich und Großbritannien. Im Gebiet unbeständig eingeschleppt in Baden-Württemberg (Hand & Thieme 2023), bei der Wollkämmerei Hamburg-Wilhelmsburg (Meyer 1955, Hand & Thieme 2023), 1930 im Düsseldorfer Hafen in Nordrhein-Westfalen (Bonte 1937, Wagenitz 1987, Hand & Thieme 2023), 1936 bei der Plagwitzer Wollkämmerei in Sachsen (Fiedler 1936, Hand & Thieme 2023) und 1899 am Hohendodenlebener Weg in Magdeburg in Sachsen-Anhalt (Fitschen 1900, Wagenitz 1987, Hassler & Muer 2022). Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021).
 

Quellen

Bonte L. (1937): Beiträge zur Adventivflora des rheinisch-westfälischen Industriegebietes 1930-1934 – Decheniana 94: 107-142.

Djavadi S.B., Naqinezhad A. & Ramezankhah S. (2007) Matricaria discoidea, a new species of the Asteraceae - Anthemideae for the flora of Iran. Rostaniha 8(2): 106-107.

Fiedler O. (1936): Die Fremdpflanzen an der Mitteldeutschen Großmarkthalle zu Leipzig 1932–1936 und ihre Einschleppung durch Südfruchttransporte – Hercynia 1: 124–148.

Fitschen J. (1900): Kleine Beiträge zur Flora Magdeburg – Jahresbericht und Abhandlungen des Naturwissenschaftlichen Vereins in Magdeburg 1898-1900: 143-149.

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Galasso G., F. Conti, L. Peruzzi, A. Alessandrini, N. M. G. Ardenghi, G. Bacchetta, E. Banfi, G. Barberis, L. Bernardo, D. Bouvet, M. Bovio, M. Castello, L. Cecchi, E. Del Guacchio, G. Domina, S. Fascetti, L. Gallo, R. Guarino, L. Gubellini A. Guiggi, N. Hofmann, M. Iberite , P. Jiménez-Mejíase, D. Longo, D. Marchetti, F. Martini, R. R. Masin, P. Medagli, C. M. Musarella , S. Peccenini, L. Podda, F. Prosser, F. Roma-Marzio, L. Rosati, A. Santangelo, A. Scoppola, A. Selvaggi, F. Selvi, A. Soldano, A. Stinca, R. P. Wagensommer, T. Wilhalm & F. Bartolucci (2024): A second update to the checklist of the vascular flora alien to Italy – Plant Biosystems 158: 297−340.

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Grims F. (2008): Flora und Vegetation des Sauwaldes und der umgrenzenden Täler von Pram, Inn und Donau – 40 Jahre später - Stapfia 87, 262 S.

Hand R. & Thieme M. (2023): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm



Hardtke H.-J., Klenke F. & Müller F. (2013): Flora des Elbhügellandes und angrenzender Gebiete – Sandstein-Verlag Dresden. 718 S.

Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände

Kew (2024): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Medvecká J., Kliment J., Májeková J., Halada Ľ., Zaliberová M., Gojdičová E., Feráková V. & Jarolímek J. (2012): Inventory of the alien flora of Slovakia. – Preslia 84: 257–309.

Meierott L., Fleischmann A., Klotz J., Ruff M. & W. Lippert (2024): Flora von Bayern – Haupt Verlag, Bern, 4 Bände.

Meusel H. & Jäger E. (1992): Vergleichende Chorologie der zentraleuropäischen Flora. Band III. Karten. Fischer-Verlag, Jena.

Meyer H. (1955): Zur Adventivflora von Harburg, Wilhelmsburg und Umgebung – Harburg, Jahrb. 5: 96−128.

Pyšek P., Danihelka J., Sádlo J., Chrtek J. jr., Chytrý M., Jarošík V., Kaplan Z., Krahulec F., Moravcová L., Pergl J., Štajerová K. & Tichý L. (2012): Catalogue of alien plants of the Czech Re­public (2nd edition): checklist update, taxonomic diversity and invasion patterns. – Preslia 84: 155–255.

Seitz B., Ristow M., Prasse R., Machatzi B., Klemm G., Böcker R. & Sukopp H. (2012): Der Berliner Florenatlas – Verhandlungen des Bot. Vereins von Berlin und Brandenburg, Beiheft 7.

Verloove F. (2021): Manual of the Alien Plants of Belgium –  http://alienplantsbelgium.be

Wagenitz G. (1987): in Gustav Hegi – Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band VI, Teil 4, 2.Auflage. Verlag Paul Parey, Berlin und Hamburg. 863 S.

Wohlgemuth T., Del Fabbro C., Keel A., Kessler M. & M. Nobis (2020): Flora des Kantons Zürich. Zürcherische Botanische Gesellschaft. Haupt-Verlag, Bern.