Lolium

Weidelgras, Süßgras, Poaceae

Gattung:

Lolium umfasst etwa 28 Arten (Kew 2023) in Eurasien und Nordafrika, darunter sind 17 Arten, die früher der Gattung Festuca zugerechnet wurden.
 

Lolium multiflorum 

Italienisches Weidelgras,
Lolium multiflorum  
Süßgras, Poaceae

 

Steckbrief:

30–120 cm hohe Mehrjährige mit nichtblühenden Blatttrieben und oberwärts rauen Stängeln. Blätter 5–10 mm breit. Ährenachse an den Kanten rau, Ährchen 1–3 cm lang, 10–20-blütig. Deckspelzen 7–8 mm lang, zumindest die oberen begrannt mit einer bis zu 11 mm langen Granne. Blütezeit Juni bis August.
Verwechslungsmöglichkeit: Das heimische Deutsche Weidelgras, Lolium perenne, hat 2–5 mm breite Blätter und stets unbegrannte Deckspelzen.
 

Nutzung:

Als Zierrasen und im landwirtschaftlichen Intensivgrünland (Bohner & Krautzer 2008). In Deutschland mit 33 zugelassenen Sorten (Breitfeld & al. 2017). Insbesondere die einjährigen Kultivare werden im Feldfutterbau verwendet. Von allen Gräsern wächst es am schnellsten nach. Intensiv genutzte Wiesen, die 5−6 Schnitte im Jahr zulassen, werden als Italienisches Raygras-Klee-Mischungen direkt angesät (Wohlgemuth & al. 2020). Auch mehrjährige Sippen halten sich im Dauergrünland meist nur wenige Jahre nach der Einsaat und werden dann durch andere Grasarten verdrängt, wenn kein Umbruch mit Nachsaat erfolgt. Oft sterben die Pflanzen nach Blüte und Fruchtansatz ab. Das Italienische Weidelgras ersetzt immer mehr die kraut- und artenreichen Wiesen und tragt so dazu bei, unsere Umwelt eintöniger zu gestalten (Düll & Kutzelnigg 2022).
Die Art kann als Bioindikator für das Nachweisen von Schadstoffbelastungen verwendet werden. Es ist befähigt, bestimmte Schwermetalle wie Blei oder Cadmium im Boden oder auch Luftschadstoffe wie Fluorwasserstoff und Schwefeldioxid als Bioakkumulator anzureichern.  

 

Ausbreitung:

Beheimatet von Makaronesien und dem Mittelmeergebiet bis Zentralasien und in die nördliche Sahara. In Italien bereits Ende des 12. Jahrhunderts in Kultur (Lenuweit & Gharadjedaghi 2002), im Gebiet seit spätestens 1826 als landwirtschaftliche Futterpflanze durch Einsaat ausgebracht (Jäger & al. 2008) und vielfach in Fettwiesen, Parkanlagen, auf Ruderalplätzen, Anschüttungen, Hochwasserbecken, auf Erdhaufen, Bahn- und Hafengelände, an Böschungen, Straßenrändern und Sportplatzrändern vorkommend und bis in die subalpine Stufe steigend. Besonders im Randbereich der Kulturflächen hält sich die Art auch nach Änderung der Kulturfolge. Gegenwärtig fast überall in den gemäßigten Gebieten der Erde etabliert, so auch im Gebiet.
DEUTSCHLAND:
In allen Bundesländern.
ÖSTERREICH:
In allen Bundesländern etabliert (Glaser & al. 2025). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1843 (Seebens & al. 2017, Glaser & al. 2025). Auch in Südtirol.
SCHWEIZ:
In allen Kantonen (Infoflora 2024), in tiefen Lagen weit verbreitet und häufig. In der Schweiz wurden erste Versuche mit Saatgut aus Oberitalien um 1820 in Bern durchgeführt (Wohlgemuth & al. 2020). Auch in Liechtenstein (Waldburger & al. 2003).

 
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. seit 1873 auch in Norwegen (Gederaas & al. 2012, Seebens & al. 2017), seit 1857 in Schweden (Seebens & al. 2017), seit 1922 in Island (Seebens & al. 2017), in den Niederlanden (FLORON 2021), seit 1814 in Belgien (Seebens & al. 2017), seit 1905 in Estland (Seebens & al. 2017), seit 1892 in Lettland (Seebens & al. 2017), seit 1884 in Litauen (Seebens & al. 2017), seit 1893 im europäischen Russland (Seebens & al. 2017), seit 1883 in Tschechien (Pyšek & al. 2012), seit 1869 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012), seit 1866 in Irland (Seebens & al. 2017) und seit 1840 in Großbritannien (Seebens & al. 2017).

 
Weitere Sippe:

Lolium ×boucheanum

Das Hybrid-Weidelgras, Lolium ×boucheanum (= Lolium ×hybridum), entstanden aus dem Italienischen Weidelgras, Lolium multiflorum, und dem eurasiatisch-nordafrikanischen Deutschen Weidelgras, Lolium perenne, wird vielfach für Wirtschaftswiesen genutzt, beispielsweise in der Sorte „Oldenburger Weidelgras“. 
Das Nothotaxon ist zu Ehren des deutschen Gärtners und Botanikers Peter Karl Bouché (1783−1856) benannt. Bouché war Inspektor des Botanischen Gartens in Berlin-Schöneberg. Erste Kreuzungsversuche der sterilen Hybride fanden um das Jahr 1900 in England statt (Breitfeld & al. 2017). Die Hybride tritt seit langer Zeit im Gebiet subspontan auf (Bohner & Krautzer 2008), so etwa 1935 bei Leipzig und 2018 bei Niesky in Sachsen (Fiedler 1938, Wünsche & al. 2019) und unbeständig in allen österreichischen Bundesländern (Glaser & al. 2025). Für die Schweiz in Infoflora (2024) nur für den Kanton Luzern angegeben.
Zu erkennen ist es vor allem durch Ährchen mit kurzen, unterschiedlich langen Grannen, wobei einige Deckspelzen auch unbegrannt sein können (Hohla 2011). Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), den Niederlanden (FLORON 2021) und in Tschechien (Pyšek & al. 2012).
 

 

Lolium ×krasanii

Das Krasan-Weidelgras, Lolium ×krasanii (Syn.: ×Schedolium krasanii, ×Festulolium krasanii) ist die Hybride aus dem heimischen Rohr-Weidelgras, Lolium arundinaceum (Syn. Festuca arundinacea, Schedonorus arundinacea) und dem Italienisches Weidelgras, Lolium multiflorum. Die Hybride ist pollensteril oder vollkommen steril (Terrell 1966). Das Nothotaxon konnte in Günzburg in Bayern (Meyer 2018) und 2005 in Schinznach-Dorf im Aaretal im Kanton Aargau gefunden werden (Scholz 2007). Die Hybride tritt vermutlich häufiger subspontan auf, als es die bisherigen Fundortangaben annehmen lassen. Sie ist wahrscheinlich nach dem österreichischen Botaniker Franz Krasan (1840−1907) benannt, der sich besonders um die Flora von Görz verdient gemacht hat. Der steirische Botaniker Karl Fritsch schrieb in einem Nachruf über Krasan: „Seine umfassenden Kenntnisse standen in einem auffallenden Gegensatze zu seinem schlichten, geradezu überbescheidenen Auftreten. Nie drängte er sich in den Vordergrund, nie stellte er die Person über die Sache“ (Krasser 1907).
 

Lolium persicum

Von Anatolien und Jemen bis Kasachstan und China ist das Persische Weidelgras, Lolium persicum, beheimatet. In großen Teilen Nordamerikas tritt es neophytisch auf, im Gebiet unbeständig 1958 und 1961 am Teufelssee in Berlin-Grunewald (Scholz & Sukopp 1960, Conert 1998, Hand & Thieme 2023) und 1993 bei Offenthal im Messeler Hügelland in Hessen (Plieninger 1994, Conert 1998, Hand & Thieme 2023). Subspontan u.a. auch 1861 in Belgien (Verloove 2021), 1957 in der Slowakei (Seebens & al. 2017) und 1988 in Litauen (Seebens & al. 2017).
 

Lolium ×subnutans

Das Braun-Weidelgras, Lolium ×subnutans (Syn.: ×Festulolium braunii, ×Schedolium braunii) ist eine Hybride aus dem vom Mittelmeergebiet bis Zentralasien heimischen L. multiflorum mit dem eurasiatischen L. pratense (Syn.: Festuca pratensis). Die Hybride wird häufig für Ansaaten genutzt, auch in Monokulturen und findet sich im Gebiet weit verbreitet, vor allem im Norden (Hassler & Muer 2022). Spontanhybriden sind unfruchtbar. Fruchtbare Zuchtformen hingegen werden pflanzenbaulich in Ansaatmischungen verwendet (Meierott & al. 2024).
 

Lolium subulatum

Das Pfriemen-Weidelgras, Lolium subulatum, ist im Mittelmeergebiet und im Gebiet des Schwarzen Meers beheimatet und konnte im Gebiet 1926 unbeständig auf Schutt in Mülheim-Saarn in Nordrhein-Westfalen (Scheuermann 1930, Hand & Thieme 2023) und in Sachsen (Hand & Thieme 2023) gefunden werden.
 

 

Quellen

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