Lamium

Taubnessel, Lippenblütler, Lamiaceae

Gattung:

Lamium umfasst, inklusive Galeobdolon und Wiedemannia, etwa 31 Arten (Kew 2023) in Eurasien und Nordafrika mit Mannigfaltigkeitszentrum in Südwest-Asien von Anatolien bis in den Iran. Manche Taxonomen sehen in den Goldnesseln eine eigene Gattung Galeobdolon, die rund 10 Arten umfasst. Doch haben molekulargenetischen Untersuchungen von Bendiksby & al. (2011) in Galeobdolon keine natürliche Verwandtschaftsgruppe gezeigt und so wird die Gruppe meist als Untergattung von Lamium gesehen.
 

Lamium argentatum

Silberblättrige Goldnessel,
Lamium argentatum
(Syn.: Galeobdolon argentatum,
Lamium galeobdolon subsp. argentatum)  
Lippenblütler, Lamiaceae

 

Steckbrief:

10–40 cm hohe, weit ausladende Mehrjährige mit auffallend silberweiß gefleckten Blattoberseiten. Stängel am Grund fast nur an den Kanten behaart. Blüten in 5–10-blütigen Scheinquirlen. Kronenoberlippe 7,5–11 mm breit, Wimpern der Kronenoberlippe 1,2–2 mm lang. Blütezeit April bis Juni.
Verwechslungsmöglichkeit: Die heimische Echte Goldnessel, Lamium galeobdolon (Syn. Galeobdolon luteum), hat nur schwach gefleckte oder ungefleckte Blattoberseiten, ihre Kronenoberlippe ist 5,5–8,5 mm breit. Die ebenfalls heimische Berg-Goldnessel, Lamium montanum (Syn.: Galeobdolon montanum), kann silbrig gefleckte Blattoberseiten aufweisen. Bei ihr ist der Stängel am Grund aber ringsum dicht behaart und sie hat 9–15 Blüten je Scheinquirl.
 

Nutzung:

Zierpflanze, vor allem als Bodendecker an Schattenstellen.
 

Ausbreitung:

Lamium montanum (2n = 36) ist wahrscheinlich allopolyploid aus Lamium galeobdolon s. str. (2n = 18) und L. flavidum (2n = 18) entstanden, L. argentatum (2n = 36) schließlich durch Auslese aus L. montanum (Hassler 2024). Über die taxonomische Einordnung der Sippe gibt es allerdings unterschiedliche Anschauungen. Sie ist durch ihre tetraploide Chromosomenzahl gegenüber den diploiden Arten der Goldnessel-Gruppe fortpflanzungsbiologisch abgegrenzt. 1873 wurde sie erstmals in Mitteleuropa nachgewiesen (Lohmayer & Sukopp 1992). Eine erste spontane Ausbreitung im Gebiet ist vom bayerischen Sichtungsgarten Weihenstephan aus den 1960er-Jahren bekannt (KORINA 2013). Gegenwärtig im Gebiet weit verbreitet mit Verbreitungsschwerpunkten in Bayern, Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Die Silberblättrige Goldnessel wird oft mit Gartenabfällen verschleppt. Sie gehört zu jenen Neophyten, die in natürliche Vegetation eindringen können und wird in der Managementliste der „Warnliste invasiver Gefäßpflanzenarten Deutschlands“ geführt. Außerdem kann sie durch etwaige Hybridisierung das genetische Potenzial der ursprünglichen Goldnessel-Sippen bedrohen (Nehring & al. 2013).
 
DEUTSCHLAND:
In allen Bundesländern.
ÖSTERREICH: 
In allen Bundesländern etabliert, nur in Vorarlberg noch nicht etabliert (Glaser & al. 2025 sub Galeobdolon argentatum), Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1977 (Glaser & al. 2025 sub Galeobdolon argentatum). Auch in Südtirol (Wilhalm & al. 2007).
SCHWEIZ:
Vielfach, vor allem im Mittelland (Infoflora 2024).
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in den Niederlanden (FLORON 2021) und seit 1935 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).

 
Weitere Arten:

Lamium garganicum

Die Gargano-Taubnessel, Lamium garganicum, ist in mehreren Unterarten im Mittelmeergebiet beheimatet und wird gärtnerisch sehr selten in der subsp. striatum eingesetzt. 
Die Pflanze ist 10–40 cm hoch, aufsteigend, basal oft reich verzweigt. Die Krone ist groß, rosa-purpurn, oft mit weißer Fleckung oder Zeichnung und langer, gerader Kronröhre. 
Von ihr liegen aus dem Gebiet nur alte Adventivangaben vor, so 1883 für den Hafen von Mannheim in Baden-Württemberg (Höck 1910, Hegi 1975, Hand & Thieme 2023), Witten in Nordrhein-Westfalen (Höck 1903, Hegi 1975, Hand & Thieme 2023) und 1910 für den Hafen Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz (Zimmermann 1914, Hegi 1975, Hand & Thieme 2023). In der Schweiz ehemals aus Kultur verwildert bei Vaumarcus und Colombier im Kanton Neuenburg (Hegi 1975)
Subspontan 2011 auch in Belgien (Seebens & al. 2017, Verloove 2021).
 

Lamium orientale

Im Nahen Osten und in Anatolien ist die Östliche Taubnessel, Lamium orientale (Syn.: Wiedemannia orientalis) beheimatet. Sie wird 1894 und 1896 von Rüdersdorf in Brandenburg (Behrendsen 1896, Hegi 1975, Hand & Thieme 2023 sub Wiedemannia orientalis) und 1905 von Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz (Vollmann 1914, Hand & Thieme 2023 sub Wiedemannia orientalis) adventiv angegeben. Das Synonym ist zu Ehren des deutschen Arztes und Botanikers Edward Wiedemann (gest. 1844) benannt. Wiedemann sammelte in Kleinasien und Armenien (Burkhardt 2018). Subspontan u.a. auch in den Niederlanden (FLORON 2021).
 

 

Quellen

Behrendsen W. (1896): Zur Kenntnis der Berliner Adventivflora – Verhandlungen des Botanischen Vereins für die Provinz Bradenburg 38: 76-100.

Bendiksby M., A. K. Brysting, L. Thorbek, G. Gussarova & O. Ryding: Molecular phylogeny and taxonomy of the genus Lamium L. (Lamiaceae): Disentangling origins of presumed allotetraploids – Taxon 60, Issue 4. 

Burkhardt L. (2018): Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen Teil 1 - https://www.bgbm.org/sites/default/files/
verzeichnis_eponymischer_pflanzennamen
_2018_teil_1.pdf

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Hand R. & Thieme M. (2023): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hassler M. (2024): Nachträge und Korrekturen zu Flora Germanica Band 1 und 2 Online-Version [Ver. 83], Stand 5.3.2024 - 1713 NACHTRAG.indd (flora-germanica.de) 

Hegi G. (1975): Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band 5 (Teil 4). 3.Aufl. – Paul Parey, Berlin und Hamburg.

Höck F. (1903): Ankömmlinge in der Pflanzenwelt Mitteleuropas während des letzten halben Jahrhunderts, VIII - Beihefte zum Botanischen Zentralblatt 15: 387-407.

Höck F. (1910): Ankömmlinge in der Pflanzenwelt Mitteleuropas während des letzten halben Jahrhunderts, XXVI - Beihefte zum Botanischen Zentralblatt 26: 391-433.

Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

Kew (2023): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science



KORINA (2013): Koordinationsstelle Invasive Neophyten in Schutzgebieten Sachsen-Anhalts, Halle – www.korina.info

Lohmeyer W. & Sukopp H. (1992): Agriophyten in der Vegetation Mitteleuropas – Schriftenr. Vegetationskd. 25: 1–185 Bonn-Bad Godesberg.

Loos G. H. (1997): Zur Taxonomie der Goldnesseln (Lamium L. subgenus. Galeobdolon (Adans.) Aschs.). Flor. Rundbr. 31/1: 39–50.

Medvecká J., Kliment J., Májeková J., Halada Ľ., Zaliberová M., Gojdičová E., Feráková V. & Jarolímek J. (2012): Inventory of the alien flora of Slovakia. – Preslia 84: 257–309.

Nehring S., Kowarik I., Rabitsch W. & Essl F. (2013): Naturschutzfachliche Invasivitätsbewertungen für in Deutschland wild lebende gebietsfremde Gefäßpflanzen. 202 S.

Seebens H., Blackburn T. M., Dyer E. E., Genovesi P., Hulme P. E., Jeschke J. M., Pagad S., Pyšek P., Winter M., Arianoutsou M., Bacher S., Blasius B., Brundu G., Capinha C., Celesti-Grapow L., Dawson W., Dullinger S., Fuentes N., Jäger H., Kartesz J., Kenis M., Kreft H., Kühn I., Lenzner B., Liebhold A., Mosena A. (2017): No saturation in the accumulation of alien species worldwide. Nature Communications 8(2).

Verloove F. (2021): Manual of the Alien Plants of Belgium –  http://alienplantsbelgium.be

Vollmann F. (1914): Flora von Bayern – Ulmer-Verlag, Stuttgart, 840 S.

Walter E. (1992): Die Silber-Goldnessel (Galeobdolon argentatum) ein bisher weitgehend unbeachteter Kulturflüchtling auch in Oberfranken.- Ber Naturforsch. Ges. Bamberg 67: 23 - 35.

Wilhalm T., Hilpold A., Stockner W. & Tratter W. (2007): Für die Flora Südtirols neue Gefäßpflanzen (4): Ergebnisse der floristischen Kartierung – Gredleriana 7: 99–126.

Wittmann H. & Pilsl P. (1997): Beiträge zur Flora des Bundeslandes Salzburg II. – Linzer biol. Beitr. 29/1: 385–506.

Zimmermann F. (1914): Neue Adventivpflanzen der badischen Pfalz - Mitteilungen des Badischen Landesvereins für Naturkunde und Naturschutz 294: 341-343.