Cortaderia

Pampasgras, Süßgras, Poaceae

Gattung:

Die Gattung Cortaderia umfasst etwa 20 Arten (Kew 2022), die in Süd- und Mittelamerika beheimatet sind. Früher zugerechnete Arten aus Neuseeland und Neuguinea wurden in die neu beschriebenen Gattungen Austroderia und Chimaerochloa ausgegliedert.
Bei einer genaueren Untersuchung der Cortaderia selloana-Artengruppe durch Testoni & Villamil (2014) erwies sich Cortaderia jubata als eine vermutlich durch Polyploidisierung entstandene, apomiktische Sippe, deren Merkmalskombination im Merkmalsspektrum von Cortaderia selloana eingeschlossen ist. Die Bearbeiter schlugen daher vor, sie zukünftig als Unterart von dieser, als Cortaderia selloana subsp. jubata, einzugliedern. Dies wurde in der Gattungsrevision durch Testoni und Linder so bestätigt (Testoni & Villamil 2014, Testoni & Linder 2017). Da die Art in der angewandten Literatur, einschließlich der Unionsliste der invasiven gebietsfremden Arten, unter C. jubata aufgeführt ist, haben sich die meisten Bearbeiter dazu entschlossen, diesen Namen zunächst beizubehalten.

 

Cortaderia selloana 

Echtes Pampasgras,
Cortaderia selloana  
Süßgras, Poaceae

 

Steckbrief:

2–3 m hohe, zweihäusige, dichte Horste bildende Staude mit bis 2 m langen, nach außen gebogenen, am Rande mit Stachelhaaren versehenen Blättern. Rispen der weiblichen Pflanzen 40–80 cm lang und bis 20 cm breit, dicht, seidig glänzend, silberweiß oder braunrosa überlaufen, aufrecht. Ährchen 15–18 mm lang. Rispe der männlichen Pflanzen locker, weniger glänzend, deren Ährchen 18–21 mm lang. Blütezeit August bis Oktober.
Verwechslungsmöglichkeit: Das sehr ähnliche Anden-Pampasgras, Cortaderia jubata, unterscheidet sich durch Blütenstände, die die Blätter deutlich überragen und durch in der Jugend grauweiße bis graurosa Blütenstände.
 

Name:

Benannt zu Ehren des deutschen Gärtners und Naturforschers Friedrich Sello (1789−1831). Sello, ab etwa 1814 Sellow, war Sohn des Potsdamer Hofgärtners Carl Sello. Er arbeitete zunächst als Gärtner im Park Sanssouci in Potsdam und am Botanischen Garten Berlin, studierte dann Botanik in Paris und London u.a. mit finanzieller Hilfe durch Alexander von Humboldt. 1814 nahm er die Einladung von Georg Heinrich von Langsdorff, russischer Generalkonsul in Brasilien und selbst Naturwissenschaftler, zur Teilnahme an einer wissenschaftlichen Expedition in Brasilien an. Er lernte in Rio de Janeiro den preußischen Legationsrat am brasilianischen Hof Ignaz Franz Werner Maria von Olfers kennen und begleitete diesen auf einer ethnographischen Expedition. Die beiden wurden gute Freunde, eine Abmachung zwischen ihnen war, dass der Überlebende sich um die Sammlungen und Manuskripte des Erstverstorbenen kümmern sollte, was später auch so gehandhabt wurde. Sello erforschte 1815 bis 1817 mit Maximilian Alexander Philipp Prinz zu Wied-Neuwied das Innere Brasiliens, sammelte während seines 17-jährigen Forscherlebens in Brasilien unaufhörlich Pflanzen und Samen, Säugetiere, Vögel, Insekten, Mineralien und ethonografische Stücke. Unter anderem verdanken wir Sello so beliebte Gartenpflanzen wie Salvia splendens, Cortaderia selloana und Petunia axillaris. Auch eine Elternart der Eisbegonie, nämlich Begonia sempervirens keimte in Berlin zufällig aus der Erde von Pflanzballen, während die von Sello nach Berlin geschickten Kisten an die entsprechenden Museen verteilt wurden.
Sello ertrank bei der Durchquerung des Rio Doce, als sein Kanu gegen die Felsen prallte. Seine vielseitige Begabung und sein reicher Beitrag zum botanischen Wissen über die brasilianische Flora blieben lange Zeit vergessen. Seit 1954 ehrt aber die brasilianische botanische Zeitschrift 'Sellowia' sein Andenken. Eine seinem Todesort nahegelegene brasilianische Bahnstation der Linie Belo-Horizonte - Vitória trägt seit 1961 ihm zu Ehren den Namen „Frederico Sellow“.
Sello war einer der wichtigsten Naturforscher seiner Epoche. Ein großer Teil seines Wirkens ist in seinem handschriftlichen Nachlass dokumentiert. Im Berliner Museum für Naturkunde werden insgesamt 71 Reisetagebücher und 26 Exkursionsberichte aus den Jahren 1818 bis 1831 aufbewahrt. Seit 2011 widmet sich dort ein von der Fritz Thyssen Stiftung gefördertes Forschungsprojekt der Transkription der Manuskripte, um die Aufzeichnungen Friedrich Sellos zu entziffern.
Nach Sello sind zahlreiche Pflanzen benannt, so die Gattung Selloa aus der Familie der Korbblütler, Sellowia aus der Familie der Weiderichgewächse, Sellocharis aus der Familie der Hülsenfrüchtler, Feijoa sellowiana, die Brasilianische Guave, Philodendron selloum, der Zottelige Philodendron, Abutilon sellovianum, der Zimmerahorn und andere.  

Heimat:

Gemäßigtes Südamerika.
 

Nutzung:

Häufig als Ziergras genutzt. In mehreren Sorten, die alphabetisch von `Albolineata´ (ehemals `Silver Stripe´) bis `White Feather´ reichen. Die oft kultivierte Sorte `Pumila´ ist eine kompakte, vegetativ vermehrte Auslese, die höchstens 1,80 m Höhe erreicht. `Sunningdale Silver´ und `Rosafeder´ sind weibliche Klone (Jelitto & al. 1990). In Südafrika wurde die Art versuchsweise zur Stabilisierung von Bergwerkshalden eingesetzt (Mansfeld 1986).
 

Ausbreitung:

In Europa seit spätestens 1843 in gärtnerischer Kultur (Jäger & al. 2008). Bisher im Gebiet nur selten verwildert. Allerdings wurden bisher nur weibliche Pflanzen verkauft. Neuerdings wird Saatgut angeboten, so dass auch männliche Pflanzen auftreten und verwildern können (Hassler & Muer 2022). Ein weiblicher Blütenstand kann etwa 50.000 Samen hervorbringen, die Flugstrecken von bis zu 30 Kilometer zurücklegen können (Doménech 2005).
 
DEUTSCHLAND:
Unbeständig in Baden-Württemberg (Hand & Thieme 2024), Hessen (Hand & Thieme 2023), 2022 bei Altenhagen im Landkreis Celle in Niedersachsen (Langbehn 2023), 2018 ein Horst mit mehreren Blütenständen auf dem Mittelstreifen der A40 westlich der Brücke Walzwerkstraße in Westenfeld und ein Horst zwischen Randstreifen und Ausfahrtspur der A40 bei der Ausfahrt Kaiserberg in Fahrtrichtung Duisburg, 2021 auf einer Böschung der Halde Großes Holz in Bergkamen, 2021 am Mittelstreifen der A52 in Ratingen-Lintorf im Kreis Mettmann und 2022 am Resser Bach in Herten, Kreis Recklinghausen in Nordrhein-Westfalen (Jagel 2021, BBV 2019, BBV 2022, BBV 2023) und 1909 in Schutt bei Speyer in Rheinland-Pfalz (Zimmermann 1914, Hand & Thieme 2023).
ÖSTERREICH:
2019 für Salzburg angegeben (Glaser & al. 2025). 2021 bei Lana im Etschtal in Südtirol auf einer Schotterfläche gefunden (Wilhalm & al. 2021).
SCHWEIZ:
Ehemals im Kanton Basel-Stadt (Infoflora 2024), mehrfach im Kanton Genf (Infoflora 2024), im südlichen Tessin (Infoflora 2024) und in der Waadt (Infoflora 2024).
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. seit 1899 in Frankreich (Seebens & al. 2017), seit 1989 auf der Insel Korsika (Seebens & al. 2017), seit 1991 in Irland und seit 1925 in Großbritannien (Seebens & al. 2017). In wärmeren Gebieten ist das Gras bereits häufig aus Gärten verwildert und hat sich an Straßengräben, im Ödland und entlang von Küstendünen etabliert. An der nordspanischen Küste betrifft es Asturien, das Baskenland, Kantabrien und Galicien. Asturien schätzt seinen Bestand auf etwa 910 000 Stöcke (zwischen 712 000 und 1 100 000 Exemplare). 2005 waren dort 11,2 Hektar Land mit Pampasgras bewachsen, 2018 waren es bereits 502 Hektar. In Frankreich ist das völlige Verbot der Herstellung und des Verkaufs dieser Pflanze im gesamten Gebiet geplant.
In der EU wurde interessanterweise aber das Anden-Pampasgras, Cortaderia jubata, 2019 in die „Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung“, aufgenommen, obwohl diese Art in Europa subspontan noch nicht bekannt ist. Vor allem Frankreich und Spanien drängen darauf, dass auch Cortaderia selloana auf die EU-Liste gestellt wird.
In Neuseeland im späten 19. Jahrhundert eingeführt und hier auf der Nordinsel 1984 etwa 12.500 Hektar bedeckend (Parsons & Cuthbertson 2001). In die USA Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Baumschulisten Joseph Sexton gebracht und mittlerweile in Kalifornien auf ca. 218 km² subspontan auftretend (Okada & al. 2007). In Australien, Neuseeland und im Westen der USA gilt das Echte Pampasgras lokal als invasiv. Auf Reunion gibt es ein Einbringungs- und Handelsverbot.

 
Weitere Art:

Cortaderia jubata

Das Anden-Pampasgras, Cortaderia jubata, ist im westlichen Südamerika beheimatet und wird als Zier-, Erosionsschutz- und Futterpflanze kultiviert. Im 19. Jahrhundert kamen Pflanzen vom südlichen Ecuador nach Frankreich und Irland. Gegenwärtig hat sich die Pflanze in zahlreichen Teilen der Erde eingebürgert, so in Australien, Neuseeland, Südafrika und in Kalifornien. In Neuseeland wurden 1984 noch rund 1 Mio. Pflanzen produziert (Gadgil & al. 1984). Mittlerweile ist die Kultur der Pflanze auf Neuseeland nicht mehr erlaubt (CABI 2021). Die Art wurde 2019 in die EU-Liste invasiver gebietsfremder Arten von unionsweiter Bedeutung aufgenommen (Nehring & Skowronek 2023). Im Gebiet ist die Art subspontan bisher nicht bekannt.
 

Quellen

BBV-Bochumer Botanischer Verein (2019): Beiträge zur Flora Nordrhein-Westfalens aus dem Jahr 2018 - Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 10: 138-188.

BBV-Bochumer Botanischer Verein (2022): Beiträge zur Flora Nordrhein-Westfalens aus dem Jahr 2021 - Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 13: 131–190.

BBV–Bochumer Botanischer Verein (2023): Beiträge zur Flora Nordrhein-Westfalens aus dem Jahr 2022 - Jahrb. Bochumer Bot. Ver. 14: 167-231.

CABI (2021): Invasive Species Compendium - https://www.cabi.org/publishing-products/invasive-species-compendium/

Domènech R. (2005): Cortaderia selloana invasion in the Mediterranean region: invasiveness and ecosystem invasibility. Bellaterra, Barcelona, Spain: Autonomous University of Barcelona.

Gadgil R.L., Knowles A.L. & Zabkiewicz J.A. (1984): Pampas - a new forest weed problem. In: Proceedings, New Zealand weed and pest control conference. Hastings, New Zealand: New Zealand Weed and Pest Control Society, 187-190.

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Hand R. & Thieme M. (2023): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände.

Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

Jagel A. (2021): Flora von Bochum, eine Zusammenstellung der bisher im Stadtgebiet Bochum heimischen und verwilderten Pflanzen-Sippen. – jagel.nrw/Flora_Bochum_Jagel.pdf.

Jäger E. J., Ebel F., Hanelt P. & Müller G. K. (2008): In: Rothmaler, Exkursionsflora von Deutschland, Band 5, Krautige Zier- und Nutzpflanzen. Spektrum, 874 S.

Jelitto L., Schacht W. & Feßler A. (1990): Die Freiland-Schmuckstauden – Ulmer Verlag Stuttgart, 4. Aufl. 683 S.



Kew (2022): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Langbehn H. (2023): Neues zur Flora des Landkreises Celle 2022 - Floristische Notizen aus der Lüneburger Heide 31: 14-21.

Mansfeld R. (1986): Verzeichnis landwirtschaftlicher und gärtnerischer Kulturpflanzen - Band 3, 569 Seiten, Springer-Verlag.

Nehring S. & S. Skowronek. (2023): Die invasiven gebietsfremden Arten der Unionsliste der Verordnung (EU) Nr. 1143/2014 - Dritte Fortschreibung 2022 (bsz-bw.de) BfN-Schriften 654-2023

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Parsons W.T.& Cuthbertson E.G. (2001): Noxious weeds of Australia. Melbourne, Australia: Inkata Press, 698 pp.

Seebens H., Blackburn T. M., Dyer E. E., Genovesi P., Hulme P. E., Jeschke J. M., Pagad S., Pyšek P., Winter M., Arianoutsou M., Bacher S., Blasius B., Brundu G., Capinha C., Celesti-Grapow L., Dawson W., Dullinger S., Fuentes N., Jäger H., Kartesz J., Kenis M., Kreft H., Kühn I., Lenzner B., Liebhold A., Mosena A. (2017): No saturation in the accumulation of alien species worldwide. Nature Communications 8(2).

Testoni D. & H. P. Linder (2017): Synoptic taxonomy of Cortaderia Stapf (Danthonioideae, Poaceae). PhytoKeys 76: 39–69.

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