Corispermum

Wanzensame, Amarantgewächs, Amaranthaceae

Gattung:

Corispermum umfasst etwa 69 Arten (Kew 2022) in Eurasien und Nordamerika. Mannigfaltigkeitszentrum ist China und die Mongolei. Die Gattung ist äußerst komplex in Bezug auf Taxonomie und Nomenklatur. Alle Arten sind auf sandige Lebensräume oder Kies beschränkt (Verloove 2021).
 
 

Corispermum squarrosum

Stechender Wanzensame,
Corispermum squarrosum
(Syn.: Agriophyllum squarrosum, A. pungens)  
Amarantgewächs, Amaranthaceae

 

Steckbrief:

Einjährige, bis 40 cm hohe, aufrechte, schwach bewehrte, von der Basis aus verzweigte Wüstenpionierpflanze mit graugrünen, schmal-lanzettlichen, 1,3−7 cm langen und 1−10 mm breiten Blättern und unscheinbaren Blüten. Hochblätter breit eiförmig, am Grund behaart. Blütezeit August bis September.  
 

Heimat:

Auf sandigen Orten Zentral- und Westasiens.
 

Nutzung:

Keine. Die Art kann sehr hohe Temperaturen und Trockenheit ertragen. Sie ist auf Wander-Sanddünen spezialisiert und überlebt auch ein zeitweiliges Vergraben durch Flugsand. Die verdorrten Pflanzenteile reduzieren die Windgeschwindigkeiten um bis zu 90 % und in diesem kargen Umfeld bilden die Pflanzen eine wertvolle Kohlenstoff- und Stickstoffquelle. So spielt die Art eine Rolle bei der Erhaltung und Wiederherstellung fragiler Wüstenökosysteme. Obwohl die Pflanze auf unfruchtbaren und sandigen Böden wächst, weist sie in ihren Samen eine hohe Nährstoffkonzentration und eine hohe Biomasse auf, was sie zu einem interessanten Kandidaten für die Begrünung von wüstenähnlichen Standorten macht (Chaoju & al. 2016).
Die einheimische Bevölkerung in den sandigen Wüstenregionen Asiens konsumiert den Samen in Zeiten der Nahrungsknappheit. Die Samen haben einen hohen Nährwert und enthalten etwa 23 % Protein, 9 % Fett, 45 % Kohlenhydrate, 8 % Rohfaser und 5 % Asche. Die Proteinfraktion umfasst das gesamte Spektrum der essentiellen Aminosäuren, die in der menschlichen Ernährung benötigt werden. Der Lipidanteil besteht hauptsächlich aus mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Der Ascheanteil ist reich an Eisen. Der Stechende Wanzensame, auch Sandreis genannt, ist ein Kandidat für die Domestizierung, um eine Nahrungspflanze zu liefern, die einem  zukünftigen Klimawandel standhält (Chen & al. 2014).

 

Ausbreitung: Mit Wolle eingeschleppt.

DEUTSCHLAND:
1952 an einer Schutthalde bei der Wollkämmerei Leipzig in Sachsen (Hegi 1979, Gutte 2006, Hand & Thieme 2023, sub Agriophyllum squarrosum).
ÖSTERREICH: ---
SCHWEIZ: ---

 
Weitere Arten:

Corispermum aralocaspicum

In Westasien und im russischen Osteuropa ist der Östliche Wanzensame, Corispermum aralocaspicum (Syn.: C. orientale) beheimatet. Mit Wolle eingeschleppt wird er für das Gebiet 1954 bei der Wollkämmerei Leipzig in Sachsen angegeben (Gutte 2006, Hand & Thieme 2024).
 

Corispermum filifolium

Der Zartblättrige Wanzensame, Corispermum filifolium, ist im europäischen Russland im Bereich der unteren Wolga beheimatet. Er konnte 1874 in Darmstadt in Hessen gefunden und vom ähnlichen Glänzenden W., C. nitidum, unterschieden werden (Sukhorukov 2010). Der Fund ist der erste dieser Art in Mitteleuropa (Sukhorukov 2010). Die Art wird in der deutschen Florenliste (Hand & Thieme 2023) nicht genannt.
 

Corispermum intermedium

In Nordost-Europa ist der Mittlere Wanzensame, Corispermum intermedium, beheimatet. Er wird 1901 und 1904 für den Mannheimer Hafen in Baden-Württemberg (Zimmermann 1910) und 1959 und 1960 auf Schutt und in Dünen für Rostock, Warnemünde und an Bahndämmen in Parchim in Mecklenburg-Vorpommern angegeben (Hegi 1979, Fukarek & Henker 2005, Hand & Thieme 2023). Weitere Fundangaben der Art aus Deutschland (Berlin und Hessen) sind wahrscheinlich irrig (Hegi 1979, Hand & Thieme 2023). Subspontan u.a. auch in Polen (Jalas & Suominen 1980), Königsberg (Jalas & Suominen 1980), Litauen (Jalas & Suominen 1980), Lettland (Jalas & Suominen 1980), Estland (Jalas & Suominen 1980) und Weißrussland (Jalas & Suominen 1980).
 

Corispermum mongolicum

Der Mongolische Wanzensame, Corispermum mongolicum, ist in Zentralasien beheimatet und wird 1967 für Leipzig-Möckern in Sachsen (Gutte 2006) vorübergehend eingeschleppt angegeben.
 

Corispermum pallasii

Der Pallas-Wanzensame, Corispermum pallasii (Syn.: C. leptopterum) ist in Osteuropa und Westasien beheimatet und wird von manchen Botanikern als ursprünglich in Mitteleuropa angesehen
Er trägt seinen Namen zu Ehren des deutsch-russischen Naturforschers und Entdeckungsreisenden Peter Simon Pallas (1741−1811), nach dem neben mehreren Pflanzentaxa eine Gesteinsgruppe, ein Asteroid, ein Mondkrater und eine Straße in Berlin-Schöneberg benannt sind.

 
Die ersten Fundmeldungen aus dem Gebiet stammen von 1849 aus dem Oberrheinischen Dünengebiet bei Darmstadt (Hegi 1979). In Deutschland in allen Bundesländern, so etwa Amöneburg und Wiesbaden-Delkenheim in Hessen (Streitz 2005), Osnabrück-Hafen in Niedersachsen (Weber 1995), Halle-Künsebeck in Nordrhein-Westfalen (Weber 1995) oder Gartenstadt und Oggersheim in Rheinland-Pfalz (Mazomeit 1995). In Österreich bei Persenbeug in Niederösterreich (Leopoldinger 1995), Oberösterreich, Nordtirol, Osttirol und Wien (Fischer & al. 2008)
Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), 1933 in Tschechien (Seebens & al. 2017) und in den Niederlanden (FLORON 2021)
 

Corispermum redowskii

In Zentralasien ist der Redowski-Wanzensame, Corispermum redowskii, beheimatet. Er wird verschleppt 1892 für den Mannheimer Hafen in Baden-Württemberg (Ascherson & Graebner 1919, Hand & Thieme 2023) und 1927 für Düsseldorf in Nordrhein-Westfalen angegeben (Bonte 1930, Hand & Thieme 2023). Die Art ehrt den deutsch-litauischen Arzt und Botaniker Johann Redowsky (1774−1807), der Leiter des Botanischen Gartens von Graf Razumowski bei Moskau war. Redowsky schloss sich 1805 einer Gesandtschaftsreise des Grafen Golovkin nach China an und unternahm eine Forschungsreise nach Kamtschatka, wo er bei Gižiginsk den Tod fand, weil er für einen Spion gehalten und vergiftet wurde (Burkhardt 2018).
 

Corispermum stauntonii

Der Staunton-Wanzensame, Corispermum stauntonii, ist in Ostasien beheimatet und wird einmal, nämlich 1900, für den Mannheimer Hafen in Baden-Württemberg (Zimmermann 1910, Hand & Thieme 2023) angegeben. Die Art ist benannt zu Ehren des irisch-britischen Arztes und Diplomaten George Leonard Staunton (1737−1801), der von 1760 bis 1779 in der Karibik praktizierte (Burkhardt 2018).
 

Quellen

Ascherson P. & P. Graebner (1896-1939): Synopsis der mitteleuropäischen Flora. 12 Bände Leipzig, Gebr. Bornträger.

Bonte L. (1930): Beiträge zur Adventivflora des rheinisch-westfälischen Industriegebietes. Verh. D. naturh. Ver. D. preuß. Rheinlande und Westfalens 86: 141−255.

Burkhardt L. (2018): Verzeichnis eponymischer Pflanzennamen Teil 1 - https://www.bgbm.org/sites/default/files/
verzeichnis_eponymischer_pflanzennamen_2018_teil_1.pdf

Chaoju Q., Hengxia Y., Yong S., Jiecai Z., Chengliang Y., Wanyin L., Zhibao D., Guoxiong C., Xia Y., Xiao-Ru W. & Xiao-Fei M. (2016): Population dynamics of Agriophyllum squarrosum, a pioneer annual plant endemic to mobile sand dunes, in response to global climate change - https://www.nature.com/articles/srep26613

Chen G., J. Zhao, X. Zhao, P. Zhao, R. Duan, E. Nevo & X. Ma (2014): A psammophyte Agriophyllum squarrosum (L.) Moq.: a potential food crop – Genetic Resources and Crop Evolution 61: 669−676.

Fischer M. A., Oswald K. & Adler W. (2008): Exkursionsflora für Österreich, Liechtenstein und Südtirol; 3., verb. Aufl. der „Exkursionsflora von Österreich“ (1994). – Linz: OÖ Landesmuseum; 1392 S.

FLORON (2021): Floron Verspreidingsatlas Vaatplanten – www.verspreidingsatlas.nl

Fukarek F. & Henker H. (2005): Flora von Mecklenburg-Vorpommern – Farn- und Blütenpflanzen. Herausgegeben von Heinz Henker und Christian Berg, Weißdorn-Verlag Jena, 428 S.

Gutte P. (2006): Flora der Stadt Leipzig, einschließlich Markkleeberg – Weißdorn-Verlag, Jena, 278 S.

Hand R. & Thieme M. (2023): Florenliste von Deutschland (Gefäßpflanzen), begründet von Karl Peter Buttler. https://www.kp-buttler.de/florenliste/index.htm

Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände.

 



Hegi G. (1979): Illustrierte Flora von Mitteleuropa, Band 3 (Teil 2). 3.Aufl. – Paul Parey, Berlin und Hamburg. 453–1264.

Jalas J. & Suominen J. (1980): Atlas Florae Europaeae 5 – Chenopodiaceae to Basellaceae. Akateeminen Kirjakauppa Helsinki. 119 S.

Kew (2022): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Leopoldinger W. (1995): Ein bemerkenswerter Fund des Schmalflügeligen Wanzensamens, Corispermum leptopterum (ASCH.) ILJIN im niederösterreichischen Donautal bei Persenbeug - Linzer biol. Beitr. 27/1: 285-290.

Mazomeit J. (1995): Zur Adventivflora (seit 1850) von Ludwigshafen am Rhein – mit besonderer Berücksichtigung der Einbürgerungsgeschichte der Neophyten – Mitt. Pollichia 82: 157–246.

Seebens H., Blackburn T. M., Dyer E. E., Genovesi P., Hulme P. E., Jeschke J. M., Pagad S., Pyšek P., Winter M., Arianoutsou M., Bacher S., Blasius B., Brundu G., Capinha C., Celesti-Grapow L., Dawson W., Dullinger S., Fuentes N., Jäger H., Kartesz J., Kenis M., Kreft H., Kühn I., Lenzner B., Liebhold A., Mosena A. (2017): No saturation in the accumulation of alien species worldwide. Nature Communications 8(2).

Streitz H. (2005): Die Farn- und Blütenpflanzen von Wiesbaden und dem Rheingau-Taunus-Kreis – Abhandlungen der Senckenbergischen Naturforschenden Gesellschaft 562. E. Schweizerbart´sche Verlagsbuchhandlung Stuttgart, 404 S.

Sukhorukov A. (2010): Ein Nachweis von Corispermum filifolium (Chenopodiaceae) aus Deutschland – Botanik und Naturschutz in Hessen 23: 5-8.
Verloove F. (2021): Manual of the Alien Plants of Belgium –  http://alienplantsbelgium.be

Weber H. (1995): Flora von Südwest-Niedersachsen und dem benachbarten Westfalen – H. Th. Wenner, Osnabrück.

Zimmermann F. (1910): Die Adventiv- und Ruderalflora von Mannheim, Ludwigshafen und der Pfalz nebst den selteneren einheimischen Blütenpflanzen und den Gefäßkryptogamen – Pollichia 26: 11-171.