Bassia

Radmelde, Amarantgewächs, Amaranthaceae

Gattung:

Bassia umfasst etwa 22 Arten (Kew 2022). Die generischen Grenzen von Bassia und verwandten Gattungen wie Kochia sind seit langem umstritten. Neuere phylogenetische Studien verlangen eine Einbeziehung der meisten Arten von Kochia in Bassia (Kadereit & Freitag 2011).
 

Bassia scoparia

Besen-Radmelde,
Bassia scoparia (Syn.: Kochia scoparia
Amarantgewächs, Amaranthaceae 

 

Steckbrief:

60–150 cm hohe, ästige, kraushaarige, oft rot überlaufene Einjährige. Blätter lineal-lanzettlich, flach, bewimpert, zuletzt verkahlend, 2–5 cm lang und 3–7 mm breit. Blüten unscheinbar, einzeln oder zu zweit in den Achseln von 5–10 mm langen Hochblättern sitzend, in end- und seitenständigen, ährigen Blütenständen. Frucht 3–4 mm lang. Blütezeit Juli bis September.
 

Name:

Die Gattung ist zu Ehren des italienischen Arztes und Botanikers Ferdinando Bassi (1710–1774) benannt, nachdem auch Neobassia, eine weitere Amaranthaceae-Gattung ihren Namen hat. Bassi war zunächst Assistent, dann Präfekt des Botanischen Gartens in Bologna, befasste sich auch mit anderen Bereichen der Naturwissenschaften wie Chemie, Physik und Paläontologie (Burkhardt 2018). Das Synonym ehrt den deutschen Arzt und Botaniker Wilhelm Daniel Joseph Koch (1771−1849). Koch praktizierte als Stadtarzt in Trarbach und Kaiserslautern, war dann Professor der Medizin und Botanik an der Universität Erlangen und Direktor des dortigen Botanischen Gartens (Burkhardt 2018).
 

Nutzung:

Als Zierpflanze in der fo. childsii als „Grüne Sommerzypresse“ und in der fo. trichophylla als „Rote Sommerzypresse“ kultiviert, wobei die im Spätsommer rot werdende Form seit spätestens 1898 bekannt ist (Jäger & al. 2008). Früher auch zur Herstellung von Besen gezogen. Die Samen der Besen-Radmelde bieten Nahrung für Singvögel, die ganze Pflanze wird vom Rehwild gefressen. In China und Japan dienen die Knospen und jungen Blätter als Gemüse (Mansfeld 1986). In der Seidenraupenzucht werden die Pflanzen den Raupen zum Einspinnen geboten (Mansfeld 1986).
Bassia scoparia eignet sich als Erosionsschutz zur raschen Wiederbegrünung nach Feuerereignissen. Dazu trägt ihre Fähigkeit bei, tolerant gegen Trockenheit oder Heuschreckenfraß zu sein. Sie kann während der gesamten Vegetationsperiode keimen und bietet rasch eine wirkungsvolle Bodenbedeckung. Sie kann auch zur Phytosanierung von kontaminierten Böden eingesetzt werden. Sie nimmt aus dem Boden Chrom, Blei, Selen, Quecksilber, Silber, Zink, das radioaktive Caesium 137 und Uran auf. Außerdem kann sie verwendet werden, um Böden zu sanieren, die durch Kohlenwasserstoffe verunreinigt wurden.
Die Samen enthalten einen Insekten-Lockstoff, welcher Moskito-Insektiziden zugesetzt wird.

 

Schaden:

Die Besen-Radmelde kann vom Pilz Aphanomyces cochlioides befallen werden, der Schäden beim Anbau von Zuckerrüben hervorruft, indem er die Zuckerrüben-Wurzeln schwarz werden lässt.

Anmerkung:
Die Radmelde gehört zu den C4-Pflanzen, jenen Arten, die einen Stoffwechselweg nutzen, der Kohlenstoffdioxid für die Photosynthese zunächst vorfixiert und erst dann zu Kohlenhydraten aufbaut. C4-Pflanzen sind bei Wasserarmut und hohen Temperaturen gegenüber den C3-Pflanzen im Vorteil.

 

Ausbreitung: 

Die Art lässt sich 1532 erstmals in Italien als Gartenpflanze nachweisen. Mitte des 16. Jahrhunderts gelangte sie von dort nach Deutschland, wo sie um 1560 unter dem Namen „bellevidere“ (schön anzusehen) vereinzelt in Gartenkultur war (Krausch 2003).
Die genaue Geschichte ihrer Ausbreitung ist nicht bekannt, da die Pflanze auch mit asiatischer Wolle im Gebiet eingeschleppt wurde. Regelmäßig wird sie auch im Zuge von Getreidelieferungen eingebracht (Verloove 2021). Erschwerend kommt dazu, dass Bassia scoparia mit der Unterart densiflora im östlichen Europa möglicherweise ursprünglich ist.  
Die Besen-Radmelde ist ein Steppenroller. Bei der Reife bricht der Stängel am Boden ab und die ganze Pflanze wird durch den Wind über den Boden gerollt, um dabei die Samen auszustreuen. Die Art vermehrt sich ausschließlich generativ. Neugebildete Samen sind ohne Ruhephase sofort keimfähig. Allerdings nimmt die Keimfähigkeit sehr rasch ab. Bereits nach einem Jahr beträgt die Keimungsrate nur noch etwa fünf Prozent, nach drei Jahren nur mehr ein Prozent.
 
DEUTSCHLAND:
Besonders in den Ländern Berlin, Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen verbreitet. Hat sich in den 1970er-Jahren u.a. durch Transporte von Kalisalzen ausgebreitet (Zündorf & al. 2006). Die Art ist an bayerischen Autobahnen in schneller Ausbreitung begriffen, nördlich bis mindestens in die Oberpfalz (Hohla 2023).
ÖSTERREICH:
Im pannonischen Gebiet und in Oberösterreich zerstreut, sonst nur vereinzelt, so etwa entlang der Autobahnen in Salzburg (Peter Pilsl, pers. 2019) und bei Leoben-Donawitz und Graz-Hauptbahnhof in der Steiermark (Melzer 1995). Bisher aus allen Bundesländern bis auf Vorarlberg bekannt (Glaser & al. 2025). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1756 (Kramer 1756, Glaser & al. 2025).
SCHWEIZ:
Vereinzelt, vor allem im Rhonetal des Wallis (Infoflora 2023, Welten & Sutter 1982). In der Schweiz wird die Art auf der „Beobachtungsliste der invasiven gebietsfremden Pflanzen“ geführt.
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in Norwegen (Gederaas & al. 2012), den Niederlanden (FLORON 2021), in Belgien seit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts (Verloove 2021), in Großbritannien (Clement & Foster 1994, Jalas & Suominen 1980), Spanien (Jalas & Suominen 1980), Frankreich (Jalas & Suominen 1980), Italien (Jalas & Suominen 1980, Galasso & al. 2024), Kroatien (Jalas & Suominen 1980), Serbien (Jalas & Suominen 1980), Nordmazedonien (Jalas & Suominen 1980), Albanien (Jalas & Suominen 1980), Griechenland (Jalas & Suominen 1980), Bulgarien (Jalas & Suominen 1980), Rumänien (Jalas & Suominen 1980), in der Ukraine (Jalas & Suominen 1980), in Ungarn (Jalas & Suominen 1980), der Slowakei (Jalas & Suominen 1980), in Polen (Jalas & Suominen 1980), Weißrussland (Jalas & Suominen 1980), auf der Krim (Jalas & Suominen 1980), seit 1819 in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und seit 1926 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).
In Australien wurde Bassia scoparia 1990 als Futterpflanze und zur Wiederbegrünung von versalzten landwirtschaftlichen Flächen eingeführt. Durch ihren effizienten Wasserverbrauch wächst sie hier in warmen Gebieten mit geringen Niederschlägen. Sie geriet jedoch schnell außer Kontrolle und wurde bereits 1992 zum Unkraut erklärt und auf die „Alarm-Liste für umweltschädliche Unkräuter“ gesetzt. Ein intensives Ausrottungsprogramm soll sie wieder aus Australien verdrängen (NSW 2021). Die Einfuhr und jegliches Anpflanzen sind dort verboten.
 

 
Weitere Arten:

Bassia eriophora

Die Wollige Radmelde, Bassia eriophora, auch Wollige Dornmelde genannt, ist von Ägypten bis in die Mongolei beheimatet. 
Sie wird im Gebiet vorübergehend für Nordrhein-Westfalen (Hand & Thieme 2023) angegeben.
 

Bassia hyssopifolia

Die einjährige Ysopblättrige Radmelde, Bassia hyssopifolia, ist von Osteuropa bis Zentralasien beheimatet und tritt in weiten Teilen der Erde als teils invasives Unkraut auf. Im Gebiet sehr selten und unbeständig, so 1912 in Puchheim bei München und 1995 im Westhafen Regensburg in Bayern (Lippert & Meierott 2018), 1934 bei Spremberg in Brandenburg (Hegi 1979), Rostock-Warnemünde in Mecklenburg-Vorpommern (Fukarek & Henker 2005), 1911 im Hafen von Neuss in Nordrhein-Westfalen (Bonte 1930, Hand & Thieme 2023), 1954 und 1955 in Leipzig in Sachsen (Hegi 1979), ehemals bei Mödling in Niederösterreich (Hegi 1979, Glaser & al. 2025) und um 1900 in Graz in der Steiermark (Hegi 1979, Glaser & al. 2025). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1890 (Glaser & al. 2025). Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021), Italien (Hegi 1979), Frankreich (Jalas & Suominen 1980) und Großbritannien (Clement & Foster 1994).
 
 

Bassia indica

Die Indische Radmelde, Bassia indica (Syn.: B. scoparia subsp. indica) ist in Indien beheimatet und kommt in Nordafrika und Südwest-Asien vielfach subspontan vor. Im Gebiet wird sie ehemals für die Wollkämmerei Leipzig in Sachsen angegeben (Gutte 1994). Die Art wird in der deutschen Florenliste (Hand & Thieme 2024) nicht geführt
 

Quellen

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Clement E. J. & Foster M. C. (1994): Alien plants oft he British Isles – London: Botanical Society of the British Isles. 591 p.

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Genaust H. (2005): Etymologisches Wörterbuch der botanischen Pflanzennamen – Nikol, Hamburg. 701 S.

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