Tilia

Linde, Malvengewächs, Malvaceae

Gattung:

Tilia umfasst etwa 31 Arten auf der Nordhalbkugel (Kew 2023) mit Mannigfaltigkeitszentrum in China. Linden neigen stark zur Hybridisierung.
 

Tilia tomentosa

Silber-Linde,
Tilia tomentosa
(inkl. T. petiolaris)
Malvengewächs, Malvaceae

 

Steckbrief: 

Bis 25 m hoher Baum mit spitzwinkelig aufrechten Hauptästen und schräg aufsteigenden bis waagrechten Zweigen. Einjährige Zweige filzig behaart. Blattspreiten 10–15 cm lang, rundlich, plötzlich zugespitzt, Basis herzförmig, scharf gesägt, oberseits dunkelgrün, verkahlend, unterseits silbergrau, flächig behaart. Blüten zu 5–10 in hängenden, sternhaarigen Zymen. Staubblätter 50–80. Früchte kugelig-eiförmig, zugespitzt und gerippt. Blütezeit Juni bis Juli.
Verwechslungsmöglichkeit: Bei den heimischen Linden-Arten Winter-Linde, Tilia cordata und Sommer-Linde, Tilia platyphyllos, ist die Blattunterseite nicht graufilzig, die Blüten haben 25–40 Staubblätter.
 

Nutzung: 

Zier- und Straßengehölz, in mehreren Sorten wie `Brabant´ (seit 1930 bekannt, 1970 benannt) oder `Petiolaris´ (vor 1840) (Bärtels & Schmidt 2014). Die Art ist wärmeliebend, hitzeverträglich und stadtklimafest (Bruns 2009). Das Projekt Stadtgrün 2021 der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim führt die Silber-Linde in einer Liste von Bäumen, die sich als zukünftige Stadtbäume in einem vom Klimawandel geprägten Stadtklima eignen (Stadtgrün 2021). Die oft behauptete Toxizität des Linden-Nektars für Bienen und Hummeln hat sich als unrichtig erwiesen. Die Hummeln besuchen zu Ende ihres Lebenszyklus gerne die spätblühende Art und sterben dann häufig darunter an einem Energiedefizit (Hassler & Muer 2022).
 

Ausbreitung:

Beheimatet in Südost-Europa, West-Anatolien und Syrien. Die Silber-Linde ist ein pannonisch-balkanisches Florenelement, das am nächsten zum Gebiet im Norden Kroatiens und im Südwesten Ungarns (z.B. im Mecsek-Gebirge) heimisch ist. Die Art ist seit dem Jahr 1767 in gärtnerischer Kultur (Bärtels & Schmidt 2014) und wurde 1789 in Deutschland, genauer in den Botanischen Garten Karlsruhe, eingeführt (Gmelin 1806). Im Gebiet wird sie seit dem 19. Jahrhundert vor allem als Park- und Straßenbaum, aber auch als Bienenweide genutzt und verwildert selten daraus.
 
DEUTSCHLAND:
Sehr selten, so in Bruchsal, 1998 in Möhringen und zwischen Neuenburg und Bad Bellingen in der Markgräfler Rheinebene in Baden-Württemberg (Hassler 2021, Böcker & al. 2017, Sebald & al. 1990), 1994 auf einem Schuttplatz bei Rannungen in Bayern (Meierott 2008), in Berlin (Seitz & al. 2012), Brandenburg (Hand & Thieme 2024), 2011 am Ostbahnhof in Frankfurt am Main in Hessen (Gregor & al. 2012), Rheinufer Rheidter Werft, Breiberg, Roisdorf und Bonn in Nordrhein-Westfalen (Gorissen 2015), Paulusplatz in Trier und 1999 Friedhof Friesenheim und 2003 Pfalzgrafenplatz in Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz (Hand & al. 2016, Mazomeit 2005) und Schleswig-Holstein (Hand & Thieme 2024).
ÖSTERREICH: 
2025 in der Gymnasiumstraße und der Wiesengasse in Oberpullendorf und 2025 in der Marktstraße in Pamhagen im Burgenland (Hohla & al. 2025), 2008 Wals-Siezenheim und 2008 Nonntal in der Stadt Salzburg (Stöhr & al. 2012) und früher in der Leopoldauer Straße in Wien (Adler & Mrkvicka 2003). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1971 (Glaser & al. 2025). Bei der Fundmeldung nahe dem Schloss Rothenturm im Burgenland (Grünweis 1977) dürfte es sich um kultivierte Pflanzen handeln, ebenso beim Herbarbeleg von 1931 aus Gänserndorf in Niederösterreich (Metlesics 1931). Eine Angabe für Nordtirol ist irrig (Pagitz & al. 2023).
SCHWEIZ:
Vielfach im Kanton Genf, sonst vereinzelt, so in den Kantonen Aargau, Bern, Neuenburg, Obwalden, Manno im Tessin, Lausanne in der Waadt und zwischen Hütten und Schönenberg im Kanton Zürich (Wohlgemuth & al. 2020, Infoflora 2024). In Infoflora (2024) als „kultiviert und im Süden selten verwildert“ angegeben.
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. auch in Belgien (Verloove 2021) und seit 2001 in Tschechien (Pyšek & al. 2012).

 
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Tilia americana

Im zentralen und östlichen Nordamerika und im nördlichen Mittelamerika ist die Amerikanische Linde, Tilia americana, beheimatet. Sie kam 1752 nach Großbritannien (Bean 1921) und wird selten in Sorten wie `Nova´ (vor 1955) oder `Redmond´ (etwa 1926) kultiviert. Trotzdem spielt die Art in der heimischen Garten- und Landschaftsgestaltung nur eine untergeordnete Rolle. Medizinisch bewirken Extrakte aus ihr eine Verlängerung der Schlafzeit bei Tieren, ähnlich Diazepam, und eine Verringerung der Bewegungsaktivität. Es wird vermutet, dass diese Wirkung auf das Flavonoid Quercetin zurückzuführen ist, da es die Freisetzung von Histamin hemmt (Noguerón-Merino 2015). Die Art ist wärmeliebend und empfindlich gegenüber Luftverschmutzung (Bruns 2009)
Unbeständig verwildert wird sie 1997 für das Naturschutzgebiet Körschtal und 2005 für den Kurpark Bad Cannstatt in Baden-Württemberg (Böcker & al. 2017) und 2002 für Görlitz in Sachsen (Otto 2012, Hassler & Muer 2022) angegeben.
 

Tilia ×euchlora

Die Krim-Linde, Tilia ×euchlora, ist um das Jahr 1860 auf der Halbinsel Krim gefunden worden und stellt wahrscheinlich eine Hybride aus der eurasiatischen Winter-Linde, Tilia cordata, und der südwestasiatischen Schwarzmeer-Linde, Tilia dasystyla, dar (Böhlmann 2009). Sie ist wärmeliebend, hitzeverträglich, stadtklimafest, trockenheitsverträglich und windresistent (Bruns 2009), wird oft als Straßen- und Parkbaum genutzt und ist wie alle Linden eine gute Bienenweide. Im Pflanzenhandel finden sich mehrere Sorten wie `Koningslinde´ (nach 1945) oder `Lappen´, der wurzelecht durch Ableger vermehrte Typ stammt von einem Baum aus der von Kaiser Wilhelm II. 1895 geschaffenen Siegesallee (Bärtels & Schmidt 2014)
Im Gebiet subspontan angegeben für Berlin (Hand & Thieme 2024), Hamburg (Hand & Thieme 2024), Nordrhein-Westfalen (Hand & Thieme 2024), 2007 für Siebenbrunn in Sachsen (Breitfeld 2021) und 2009 für Wals-Siezenheim in Salzburg (Stöhr & al. 2012).
 

Quellen

Adler W. & Mrkvicka Ch. (2003): Die Flora von Wien - gestern und heute – Verlag des Naturhistorischen Mus. Wien, 831 S.

Bärtels A. & Schmidt P. A. (2014): Enzyklopädie der Gartengehölze – Ulmer-Verlag Stuttgart, 883 S.

Bean W. J. (1921): Trees and shrubs hardy in the British Isles. 3rd edition, Vol. II. p.590. London, John Murray.

Böcker R., Hofbauer R., Maass I., Smettan H. & Stern F. (2017): Flora Stuttgart; 732 S.

Böhlmann D. (2009): Hybriden bei Bäumen und Sträuchern – Wiley-Vch-Verlag, Weinheim, 326 S.

Breitfeld M. (2021): Flora der Westabdachung des Erzgebirges – Die Pflanzenwelt zwischen Adorf, Markneukirchen, Schöneck und Klingenthal. 294 S.

Bruns J. (2009): Bruns Pflanzen – Sortimentskatalog Gehölze 2009/2010 – Ulmer Verlag, 1123 S.

Glaser M., C. Gilli, N. Griebl, M. Hohla, G. Pflugbeil, O. Stöhr, P. Pilsl, L. Ehrendorfer-Schratt, H. Niklfeld & F. Essl (2025): Checklist of Austrian neophytes (2nd edition) – Preslia 97: 413−539.


Gmelin C. C. (1806): Flora Badensis alsatica, Band 2, Müller, Karlsruhe 1806, S. 487. 

Gorissen I. (2015): Flora der Region Bonn (Stadt Bonn und Rhein-Sieg-Kreis) – Decheniana-Beiheft 40. Bonn, 605 Seiten.

Gregor T., Hodvina S., Barth U., Bönsel D., Feuring C. & Übeler M. (2012):  Weiterführung der hessischen Florenliste -  Botanik und Naturschutz in Hessen 24, 71–105.

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Hassler M. & Muer T. (2022): Flora Germanica – Bildatlas der Farn- und Gefäßpflanzen Deutschlands. 2 Bände.

Hohla M., G. Pflugbeil & G. Kiraly (2025): Aronia ×prunifolia, Narcissus ×medioluteus, Patrinia scabiosifolia und Thunbergia alata neu für Österreich und weitere floristische Beiträge – Stapfia 119: 15−24.


Infoflora (2024): Das nationale Daten- und Informationszentrum der Schweizer Flora – https://www.infoflora.ch/de/

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Mazomeit J. (2005): Erste Nachträge zur „Adventivflora von Ludwigshafen am Rhein“ – Mitteilungen der Pollichia 91: 111-120.

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