Taraxacum

Löwenzahn, Korbblütler, Asteraceae

Gattung:

Die kosmopolitische Gattung Taraxacum umfasst etwa 60 Sektionen und schätzungsweise 3.500 Artnamen (Kirschner & Štěpánek 2008), wovon etwa 2421 akzeptiert sind (Kew 2023). Im Jahr 2015 waren in Deutschland 401 Taraxacum-Arten bekannt (Uhlemann & al. 2015). Diese hohen Zahlen hängen damit zusammen, dass sich die meisten Arten apomiktisch vermehren, dass sich die Samen also ohne Befruchtung ausbilden und im wissenschaftlichen Sinne bereits bei kleinen Abweichungen als eigene Art gelten, sofern diese Merkmale konstant bleiben.
Die meisten Arten finden sich in Eurasien und Nordamerika. Afrika, Mittel- und Südamerika und Australien sind artenarm (Kew 2023).
T. koksaghyz gehört zur mittelasiatischen Sektion Ceratoidea (Kirschner & Štěpánek 2008), die 8 Arten, sowohl sexuelle als auch agamosperme, besitzt und nasse Salzstandorte besiedelt.
 

 

Taraxacum koksaghyz

Kautschuk-Löwenzahn,
Taraxacum koksaghyz,
Korbblütler, Asteraceae
 

Steckbrief:

5–15 cm hohe, graugrüne, sexuelle, selbstinkompatible Pflanze mit etwas sukkulente Laubblätter mit geflügelten Blattstielen. Blattspreiten mit ausgesprochen variabler Lappung. Innere Involukralblätter 10–13 mm lang, äußere Involukralblätter 8–13, aufrecht abstehend bis anliegend, 7–10 mm lang, 1–2 mm breit, an der Außenseite der Spitze mit Hörnern. Griffeläste der Blüten rein gelb. Achänen mit Pyramide 2,8–3,8 mm lang. Blütezeit im Gebiet nicht bekannt.  

Name:

Das Artepitheton leitet sich von den turksprachigen Wörtern kok „=Wurzel“ und sagiz „=Gummi“ ab.
 

Heimat:

Zentralasiatische Gebirge von Kasachstan bis zur Mongolei.
 

Nutzung:

Potentielle Kulturpflanze zur Gewinnung von Kautschuk. Anbauversuche etwa bei Sossau nahe Straubing in Bayern, vor allem aber im Norden von Deutschland (Uhlemann & al. 2019). Kautschuk-Löwenzahn, aber auch andere Arten der Gattung werden zur Gewinnung von Naturkautschuk angebaut. Für den Anbau von Kautschukbäumen, Hevea brasiliensis, wird oft Regenwald abgeholzt, so dass aus regional angebautem Löwenzahn gewonnenes Rohmaterial deutlich umweltfreundlicher ist. In Deutschland sind bereits Fahrradreifen aus Löwenzahn-Kautschuk erhältlich (van Beilen & Poirier 2007). Im Jahr 2021 waren die Entwickler von Reifen aus Löwenzahn-Kautschuk für den Deutschen Zukunftspreis nominiert. Das Forscherteam aus Münster arbeitet aktuell an der Entwicklung von Autoreifen und erwirtschaftet, verglichen mit den Tropen, ähnliche Erträge pro Hektar.
 

Ausbreitung:

Taraxacum koksaghyz wurde 1931 im Rahmen einer botanischen Expedition in die Täler des Tianschan-Gebirges in der Nähe des Flusses Kegen, im südöstlichen Kasachstan entdeckt und 1933 beschrieben (Rodin 1933). Die Expedition erfolgte zum Zwecke, alternative Pflanzen mit hohem Kautschukgehalt zu finden. Schnell wurde das Potenzial dieser Art erkannt und bereits ein Jahr später mit der züchterischen und agronomischen Bearbeitung in mehreren eigens dafür eingerichteten Forschungsstationen vor allem auf dem Gebiet der Ukraine und Weißrusslands begonnen (Ulmann 1951). Gleichzeitig wurde der großflächige Anbau der Wildform betrieben. 1937 betrug die Anbaufläche über 5 000 ha und 1941 wurde sie bereits auf 67 000 ha geschätzt. 1938 gelangte T. koksaghyz-Saatgut über die landwirtschaftliche Forschungsanstalt Puławy in Polen an das Kaiser-Wilhelm-Institut für Züchtungsforschung in Müncheberg. Auch dort wurde mit der Züchtung und der Entwicklung ackerbaulicher Methoden begonnen und 1941 erstreckte sich der Versuchsanbau von T. koksaghyz in Müncheberg bereits auf 4 ha (Wieland 2001). Nach dem 2. Weltkrieg ließ das Interesse an Löwenzahn-Kautschuk vor allem aufgrund der besseren Verfügbarkeit von Hevea-Kautschuk nach (Uhlemann & al. 2019), um ab etwa der Jahrtausendwende wieder interessant zu werden. Gegenwärtig existiert in Deutschland neben 4 Versuchsstandorten bereits ein Praxisanbau von Kautschuk-Löwenzahn auf ca. 20–30 ha im östlichen Teil Mecklenburg-Vorpommerns (Uhlemann & al. 2019).
Das invasive Potenzial dieser Art in Bezug auf die autochthone Vegetation erweist sich als extrem gering. Feldversuche zeigten den Zusammenbruch einer kompletten Population von T. koksaghyz innerhalb eines Jahres bei Auflassung und natürlicher Sukzession. Hybridisierungen zwischen T. koksaghyz mit autochthonen Taraxacum-Arten wurden nicht beobachtet (Uhlemann & al. 2019).
DEUTSCHLAND:
2015 vorübergehend in einem Kerbelfeld bei Sossau in Bayern (Uhlemann & al. 2019).
Die Art wird weder in der deutschen Florenliste (Hand & Thieme 2022), noch in der „Flora von Bayern“ (Meierott & al. 2024) geführt.
ÖSTERREICH: ---
SCHWEIZ: ---
 

 

Quellen

Beilen van J. B. & Y. Poirier (2007): Guayule and Russian Dandelion as Alternative Sources of Natural Rubber - Crit. Rev. Biotechnol. 27.

Kew (2023): Kew science – Plants of the World Online - Plants of the World Online | Kew Science

Kirschner J., Stepánek J., Černy T., De Heer P. & van Dijk P. J. (2013): Available ex situ germplasm of the potential rubber crop Taraxacum koksaghyz belongs to a poor rubber producer, T. brevicorniculatum (Compositae–Crepidinae). – Genet. Resour. Crop Evol. 60: 455–471

 



Rodin L. E. (1933): Nowy wid oduwantschika [Eine neue Löwenzahnart]. – Acta Inst. Bot. Acad. Sci. URSS, Ser. 1:187–189.

Uhlemann I., M. Eggert, J. Schiemann & K. Thiele (2019): Zum Wiederanbau von Taraxacum koksaghyz (Asteraceae) als Kautschuklieferant in Deutschland – Kochia – 12: 19 - 35.

Ulmann M. (1951): Wertvolle Kautschukpflanzen des gemässigten Klimas dargestellt aufgrund Sowjetischer Forschungsarbeiten. – Berlin: Akademie.

Wieland T. (2002): Die politischen Aufgaben der deutschen Pflanzenzüchtung. – p. 35–56. In: Heim, S. (ed.), Autarkie und Ostexpansion. – Göttingen: Wallstein.