Ricinus

Rizinus, Wolfsmilchgewächs, Euphorbiaceae

Gattung:

Monotypisch.
 

Ricinus communis

Rizinus, Wunderbaum,
Ricinus communis,
Wolfsmilchgewächs, Euphorbiaceae

 

Steckbrief: 

70−250 cm hohe, getrenntgeschlechtliche, einhäusige Einjährige (in den Tropen ausdauernd und strauch- bis baumartig wachsend). Blätter gestielt, Blattspreite 7−11-lappig. Blütenstände oben mit den aus roten Stempeln bestehenden weiblichen Blüten, unten die aus gelblichweißen Staubblättern bestehenden männlichen Blüten. Frucht eine weichstachelige Kapsel, darin die großen, marmoriert gezeichneten Samen. Blütezeit August bis Oktober. 
 

Name:

Der botanische Gattungsname stammt vom lateinischen „ricinus“ für „Laus, Ungeziefer“, weil die Samen an vollgesogene Zecken erinnern. Der Gattungsname ist identisch mit dem Artbeinamen der Zecke, des Gemeinen Holzbocks, Ixodes ricinus, wobei nicht geklärt ist, ob die Zecke nach der Pflanze benannt wurde oder umgekehrt (Buch 2018).
 

Nutzung:

Zier-, Öl- und Arzneipflanze, versuchsweise auch zur Kunststofferzeugung. Die in der Pflanze enthaltene Undecylensäure wird als Fungizid genutzt. Die Samen enthalten rund 50 % Öl. Der Wunderbaum zählt zu den giftigsten Pflanzenarten. Unbeabsichtige und beabsichtigte Ricinus-Vergiftungen bei Menschen und Tieren sind seit Jahrhunderten bekannt. Der Inhaltsstoff Rizin ist eines der potentesten natürlich vorkommenden Gifte überhaupt und außerdem leicht herstellbar.
Ricinus communis wird weltweit im industriellen Maßstab zur Herstellung von Rizinusöl angebaut. Rizinusöl enthält kein Rizin, da der Stoff vor der Verwendung chemisch durch Ausfällung oder physikalisch durch Chromatographie extrahiert wird. Auch ist das Gift hitzeempfindlich und wird bei hohen Temperaturen durch Denaturierung unwirksam (Buch 2018).
Die Weltjahresernte lag 2019 bei etwa 1,4 Mio Tonnen. Als Nebenprodukt bei der Rizinusölproduktion wird Ricin in Massen produziert. Aufgrund seiner Verfügbarkeit, Toxizität, einfachen Zubereitung und des derzeitigen Mangels an einem Gegengift erregt die Pflanze von verschiedenen Seiten Aufmerksamkeit. Zur Ölgewinnung werden zahlreiche Sorten wie `Hale´, `Abaro´ oder `Hiruy´ genutzt, als Zierpflanzen finden sich im Handel Auslesen wie `Carmencita´ mit bronzeroten Blättern und leuchtend roten Blüten, `Impala´ mit niederem Wuchs und roten Blättern, `Sanguineus´ mit blutrotem Stamm und Laub und `Zanzibarensis´ mit weiß geäderten, grünen Blättern.

 
 

Ausbreitung:  

Beheimatet im tropischen Ost-Afrika, möglicherweise aber auch/oder in Indien. Das genaue ursprüngliche Areal ist aufgrund der Jahrtausende alten Kulturgeschichte unklar. Der Wunderbaum wird 1475 von Konrad von Megenberg in seinem Buch der Natur erwähnt, eindeutig für das Gebiet belegen lässt er sich ab 1539 durch die Kräuterbücher von Hieronymus Bock und Leonhart Fuchs (Krausch 2003). Im 20. Jahrhundert vielfach von Ölmühlen und Häfen angegeben, was wohl auf die wirtschaftliche Nutzung als Ölpflanze zurückzuführen ist, bzw. auf Verunreinigungen anderer Ölpflanzen. Gegenwärtig im Gebiet vielfach, aber unbeständig subspontan auftretend.
 
DEUTSCHLAND: 
Unbeständig, so 1906 in Freiburg im Breisgau in Baden-Württemberg (Thellung 1907, Hand & Thieme 2024), Erlangen, 2007 beim Börstigwäldchen in Bamberg und Fürstenfeldbruck in Bayern (Lippert & Meierott 2014, Meierott & al. 2024), Berlin-Tegel (Schulz 1896, Seitz & al. 2012), 2011 im Wirtschaftshof des Botanischen Garten Potsdam in Brandenburg (Buhr & al. 2016), 1998 Hamburg-Klein Grasbrook (Hedinger 2000, Poppendieck & al. 2010), Soltau, Osnabrück und Braunschweig in Niedersachsen (Feder 2004, Weber 1995, Brandes 2003), Kamen, Bochum und Krefelder Hafen in Nordrhein-Westfalen (Loos 1997, Buch 2018), 1993 im Hauptfriedhof Ludwigshafen und Grünstadt in Rheinland-Pfalz (Mazomeit 1995, Lang & Wolff 1993, Hand & Thieme 2024), Sachsen (Müller & al. 2021) und Schleswig-Holstein (Mierwald & Romahn 2006, Hand & Thieme 2024).
ÖSTERREICH:
Vereinzelt und vorübergehend, so in Tobaj, Strem und Trausdorf im Burgenland (Traxler 1960, Traxler 1985, Traxler 1986, Gilli & al. 2022), Schwechatau bei Traiskirchen und 2018 Leopoldsdorf in Niederösterreich (Sauberer & Till 2015, Baldinger 2019), Schärding und Bahnhof Trimmelkam in Oberösterreich (Hohla & al. 2002), Siggerwiesen in Salzburg (Essl & Rabitsch 2002), Steiermark (Fischer & al. 2008) und Süßenbrunn in Wien (Janchen 1977, Glaser & al. 2025). Der Erstnachweis für Österreich erfolgte 1960 (Traxler 1960). Eine ehemalige Angabe für Nordtirol ist irrig (Pagitz & al. 2023). In Südtirol 2018 in Kaltern subspontan beobachtet (Wilhalm & al. 2021).
SCHWEIZ:
Vereinzelt und vorübergehend, so in den Kantonen Genf, Neuenburg, Pfyn im Kanton Thurgau, Rhonetal im Wallis und am Güterbahnhof Zürich (Infoflora 2024, Thellung 1919). Die Art wird in der „Flora von Zürich“ (Wohlgemuth & al. 2020) nicht genannt.
ANDERE LÄNDER:
Subspontan u.a. seit 1940 auch in Belgien (Seebens & al. 2017, Verloove 2021), seit 1965 in Norwegen (Gederaas & al. 2012, Seebens & al. 2017), in den Niederlanden (FLORON 2021), seit 1968 in Albanien (Seebens & al. 2017), in Estland (Seebens & al. 2017), seit 1953 in Rumänien (Seebens & al. 2017), seit 1865 in Großbritannien (Seebens & al. 2017), seit 1996 in Tschechien (Pyšek & al. 2012) und seit 1919 in der Slowakei (Medvecká & al. 2012).

 

Quellen

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